"Abend über Potsdam"
Zur Erwerbung des Hauptwerkes von Lotte Laserstein

Das großformatige Gemälde »Abend über Potsdam « entstand 1930 und gilt als Hauptwerk der Malerin Lotte Laserstein (1898-1993). Diese hatte an der Berliner Kunstakademie studiert und war dort 1925 mit der Goldmedaille ausgezeichnet worden. Ihre erste Einzelausstellung hatte sie 1930 in der renommierten Berliner Galerie von Fritz Gurlitt. Die einsetzende Karriere wurde durch den Nationalsozialismus abgebrochen. 1937 sah sich die Künstlerin aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gezwungen, nach Schweden zu emigrieren, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Ihre eindrucksvollsten Werke schuf Lotte Laserstein Ende der 1920er-Jahre. Virtuos setzte sie die Menschen dieser Zeit ins Bild, häufig unter Einbindung in spezifisch moderne Kontexte (wie z. B. das Motorradfahren oder Tennisspielen). Als Summe dieser Bilder von Einzelfiguren entstand 1930 das mehrfigurige Gemälde »Abend über Potsdam«. Vor einer topografisch genauen Ansicht der Stadt verharren fünf Personen in ahnungsvoller Melancholie, sodass die Darstellung - mit Blick auf die zeitpolitische Situation - visionäre Züge erhält.

Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930. Öl auf Holz, 110 × 205,5 cm. Nationalgalerie Berlin © bpk/Nationalgalerie SMB. Foto: R. März

Wie sich Lotte Lasersteins Lieblingsmodell Traute Rose, im Bild links am Geländer stehend zu sehen, erinnert, wurde »die sehr lange Holzplatte [...] mit der Berliner S-Bahn nach Potsdam transportiert, dann weiter mit der Pferdekutsche zum eigentlichen Bestimmungsort, zu Bekannten, die eine große Dachterrasse mit Blick über Potsdam hatten. Die Freunde kamen zusammen für die ersten Skizzen. Sie nahmen ihre Plätze ein, und es wurde bestimmt, wo und wie sie stehen sollten. Die Figuren wurden nur skizziert, weil erst der Hintergrund gemalt werden sollte. Nachdem das geschehen war, transportierte die Malerin die Holztafel zurück in ihr neues Atelier mit hohem Atelierfenster, wo sie die gleichen Lichtverhältnisse wie auf der Dachterrasse hatte. Nun begann die lange Arbeit mit den verschiedenen Modellen.«

Leonardo da Vinci, Das Abendmahl, 1495-1498. Secco, 422 x 904 cm. Santa Maria delle Grazie, Mailand. Quelle: Wiki Commons

Die Personen sind um eine bildparallel aufgebaute Tafel mit weißem Tischtuch gruppiert, sodass sich unweigerlich eine Assoziation der berühmten Abendmahlsdarstellung von Leonardo da Vinci im Refektorium der Mailänder Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie (1494- 98) einstellt. Dort ist im Zentrum Jesus gezeigt, umgeben von den zwölf Aposteln, die mit verschiedenartiger Gestik auf seinen Satz »Einer unter euch wird mich verraten« reagieren. Lotte Laserstein verweltlicht das Thema radikal und setzt eine Frau an die Stelle von Jesus. Deren Bluse malt sie in leuchtendem Gelb, einer Farbe, die in der alten Kunst negative Eigenschaften wie Geiz, Gier, Neid, Verlogenheit oder Verrat symbolisiert. Häufig wurde Judas in einem gelben Gewand dargestellt (allerdings nicht bei Leonardo); Ketzer, Prostituierte und Juden mussten gelbe Kleidungsstücke tragen. Es bleibt offen, ob Lotte Laserstein bewusst an diese Tradition anknüpft und ein Beziehungsdrama nahelegt, ob sie moderne Intellektuelle und Künstler in der Tradition sozialer Außenseiter sieht oder ob das Gelb die fehlende Sonne ersetzt, was ebenfalls metaphorisch auf den Zustand der Gesellschaft bezogen werden könnte. In jedem Fall ist das Mahl entweder bereits verzehrt oder aufgrund der beschränkten finanziellen Mittel auf Früchte und Brot reduziert.

Anton von Werner, Das Gastmahl der Familie Mosse, 1899. Ölskizze zum zerstörten Wandbild im Speisesaal des Palais Mosse am Leipziger Platz 15 in Berlin. Öl auf Leinwand, 45 × 89 cm. Jüdisches Museum Berlin. © Jüdisches Museum Berlin. Foto: Jens Ziehe

Kargheit, Melancholie und Moderne zeichnen Lotte Lasersteins Darstellung aus, die auch einen Gegenentwurf zu einem seit der Jahrhundertwende bekannten Berliner Wandgemälde bildet, das Anton von Werner, der Historienmaler des Kaisers und des neuen Geldadels, 1899 für den Speisesaal der Villa des Zeitungsverlegers Rudolf Mosse am Leipziger Platz in Berlin gemalt hatte. Das »Gastmahl der Familie Mosse « zeigt ein beschwingtes Gelage vor ländlicher Kulisse, bei dem die nach der Mode des 16. Jahrhunderts gekleideten Mitglieder und Freunde der Familie einander fröhlich zuprosten. Im Gegensatz zu diesem historistischen Pomp sind bei Lotte Laserstein moderne Großstädter zu sehen, deren Gespräch einer individuellen Versunkenheit gewichen ist. Die »Roaring Twenties« sind vorbei. »In dieser seiner irritierenden, ja verunsichernden Wirkung erweist sich der ›Abend über Potsdam‹ somit kaum als ein romantisches Stimmungsbild, sondern vielmehr als eine raffinierte Verbildlichung der Gestimmtheit jener Generation, die man später als die ›verlorene‹ bezeichnen wird«, konstatiert die Verfasserin des Laserstein-Werkverzeichnisses, Anna-Carola Krausse. »Gemeinsam und doch allein, buchstäblich am Abgrund sitzend und von der umgebenden Welt durch eine tiefe Kluft getrennt, harren die jungen Menschen der Dinge, die da kommen.«

Lotte Lasersteins Bilder sind dem Realismus verpflichtet, der sich neben allen Avantgarden als roter Faden durch die Moderne zieht. Zwar gibt es im Hinblick auf Thematik und Grundhaltung Anklänge an die Neue Sachlichkeit, doch ist der Malstil Lasersteins weder objektivierend unterkühlt noch gesellschaftskritisch überzeichnet. Aufgrund einer Retrospektive, die Das Verborgene Museum im Berliner Ephraim-Palais ausgerichtet hatte, wurde die Künstlerin 2003 wiederentdeckt. Ihr Hauptwerk »Abend über Potsdam« konnte durch die gemeinsame Anstrengung der Kulturstiftung der Länder mit der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Stiftung Deutsche Klassenlotterie (DKLB Stiftung), des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie von Herrn Wolfgang Wittrock auf einer Versteigerung in London erworben werden. Es ergänzt nun den hervorragenden Bestand der Nationalgalerie zur Malerei der Weimarer Zeit und kann dort den Gemälden von Otto Dix, George Grosz, Rudolf Schlichter oder Christian Schad an die Seite gestellt werden.

Dieter Scholz

Dr. Dieter Scholz ist Kurator an der Neuen Nationalgalerie.

Das Gemälde »Abend über Potsdam« von Lotte Laserstein war 2010/11 in der Ausstellung  »Moderne Zeiten« in der Neuen Nationalgalerie zu sehen.

Weitere Artikel

Nach oben