Luxusgut, gefertigt von Maschinen

Das zweiarmige Leuchterpaar aus dem Bröhan-Museum ist 1902 nach einem Entwurf von Joseph Maria Olbrich entstanden. Er hat es nicht selbst gefertigt, sondern den Metallwarenfabrikanten Eduard Hueck damit beauftragt, es in Zinn zu gießen. Diese Arbeitsteilung zwischen künstlerischem Entwurf und handwerklicher Ausfertigung war üblich geworden durch die Reform des Kunstgewerbes.

Foto: Martin Adam
Joseph Maria Olbrich (Entwurf), Eduard Hueck, Lüdenscheid (Ausführung), Leuchterpaar, um 1902. Zinn, gegossen, Höhe: 36 cm. Bröhan-Museum.

Ausgelöst durch die erste Weltausstellung 1851 in London, die der Weltöffentlichkeit nicht nur die enormen technischen Entwicklungen im Maschinenbau präsentierte, sondern auch die gestalterischen Mängel der industriellen Möbel-, Haushaltswaren- und Kunstproduktion der Zeit offengelegt hatte, begann man nun mit Maschinen künstlerische Entwürfe umzusetzen und diese in Serie zu produzieren. Die Bewegung ging von England aus und wurde auf der ganzen Welt von Künstlern und Architekten aufgegriffen, so auch in Deutschland und Österreich. Die Künstler und das Publikum in Wien standen den neuen Ideen und Formen besonders aufgeschlossen gegenüber.

Der 1867 in Wien geborene Olbrich hatte 1890 sein Architekturstudium bei Carl Hasenauer an der Akademie der Künste in Wien begonnen und war anschließend im Büro von Otto Wagner als Zeichner angestellt. 1897 war Olbrich an der Gründung der Wiener Secession beteiligt, deren Hauptgebäude er entwarf. Bei einer Reise muss er Ernst Ludwig, den Großherzog von Hessen und bei Rhein, kennengelernt haben, der ihn sofort für seine neugegründete Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt engagierte. 1899 wurde Olbrich zum Leiter der Künstlerkolonie Darmstadt berufen. Neben ihm gehörten Peter Behrens, Hans Christiansen, Paul Bürck, Rudolf Bosselt, Ludwig Habich und Patriz Huber zu den sogenannten Darmstädter Sieben. Die Architekten entwarfen Künstlerhäuser sowie deren komplette Innenausstattung: Möbel, Gebrauchsgegenstände, Beleuchtung und Textilien. Sie hatten eine ganzheitliche Weltanschauung und folgten in ihrem Schaffen der Idee des Gesamtkunstwerks: Es entstand eine Kunst, die alle Dinge des täglichen Lebens umfasste. Für diese neue, aufeinander abgestimmte Gestaltungsweise von Ensembles, ja ganzen Interieurs, wurde ein neuer Begriff entwickelt: Raumkunst.

Das 36 cm hohe Leuchterpaar, das Olbrich zu Beginn seiner Zeit in Darmstadt entwarf, entspricht diesem Konzept der Raumkunst. Olbrich plante die Leuchter für eine reich gedeckte Tafel, ihr Design war fein auf die anderen Teile des Interieurs abgestimmt. Um 1900 entstand ein großes Bedürfnis nach Luxus, das die Kunstindustrie erfüllen konnte. Im Mittelpunkt stand die festliche Tafel, Zeichen kultivierter Haushaltsführung. Bestecke und Service wurden von berühmten Künstlern entworfen und vom Schmied oder der Fabrik ausgeführt.

Olbrichs Leuchterpaar wirkt würdevoll und feierlich, fast sakral. Die strenge Symmetrie und die emporwachsende Höhe unterstreichen dies. Aus dem flachen, ovalen Boden steigt ein geschwungener Fuß auf, der in den mit einem Reliefornament geschmückten Schaft übergeht. Zu beiden Seiten hin erstrecken sich die Leuchterarme mit zylindrischen Kerzenhaltern und Abtropfschalen. Das mittige Reliefornament zwischen den Armen weist stilisierte Voluten und Blattranken auf. Die Ornamentik, die Wiederholung des Ovals und die fließenden Formen sind typisch für den Jugendstil.

Die Leuchter sind aus dunklem Zinn gegossen. Jeder Leuchter wurde aus zwei Hälften zusammengesetzt. Die Melange aus Silberzinn hat einen geheimnisvollen Glanz, der in seiner Strahlkraft an echtes Silber heranreicht. Anfang des 20. Jahrhunderts lösten unedle Metalle die Edelmetalle ab,  statt Silber wurden meist Zinn, Messing und Kupfer verwendet. So waren die maschinellen Fabrikate für breite Gesellschaftsschichten erschwinglich und wurden zum geschmacksbildenden Kunsthandwerk. Die Metallkunst wurde durch die maschinelle Unterstützung effizienter und die Entwürfe trugen dem Rechnung, ohne Abstriche an der Ausführungsqualität hinnehmen zu müssen. Die künstlerische Bearbeitung von Metall erfuhr um 1900  Erneuerungsbestrebungen und innovative Facetten. Nicht mehr der schwere, überladene Stil des Historismus war vorherrschend, sondern der neue, leichte und jugendliche Stil der Art nouveau.

Der Entwurf wurde in Serie produziert. Es ist nicht bekannt, wie viele Leuchter heute noch existieren. Olbrich gestaltete sowohl Einzelentwürfe als auch Serien für die Industrie. Im Zuge der Reform des Kunstgewerbes konnte die Metallwarenfabrik von Eduard Hueck in Lüdenscheid die Leuchter des Architekten in großer Stückzahl anfertigen. Olbrichs Leuchter stehen am Beginn des Industriedesigns, einer der wichtigsten und prägendsten Formen künstlerischen Schaffens im 20. Jahrhunderts. Handwerklich hergestellte Produkte wurden zur Ausnahme, Industrieprodukte zur Regel.

Hanna Belz

Die Autorin ist wissenschaftliche Volontärin beim Museumsportal und MuseumsJournal.

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