Massenstücke im Schuttgeröll

Am Sonnabend, dem 7. September 1946, lud der Konsul und Kunstsammler Max Leon Flemming in seiner Wohnung in der Margaretenstraße 4 zum »Tanz über den Ruinen«. »Einziges Haus im Tiergartenviertel mit […] erhalten gebliebenen Oberstockwerken«, hieß es in der maschinengetippten und mit einer aquarellierten Ruinenlandschaft verzierten Einladung. Zu den Gästen gehörten unter anderem der Maler Heinz Trökes, der im Jahr zuvor gemeinsam mit dem Gastgeber und dem Buchhändler Gerd Rosen die erste Berliner Galerie für moderne Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet hatte. Zum Kreis der »Rosen-Künstler« zählten neben Trökes unter anderem Alexander Camaro, Hans Uhlmann, Juro Kubicek, Jeanne Mammen, Karl Hartung und Werner Heldt. Auch der Letztgenannte war auf dem Fest zugegen, und wohl bei dieser Gelegenheit bemalte er dort eine Zimmertür mit Wachskreiden und Schminkfarben.

Werner Heldt, Tür, um 1946. Wachskreide und Schminkfarben auf Holztür, 151,5 x 58,5 cm. Berlinische Galerie. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Kai-Annett Becker

Heldts großes Thema als Maler und Zeichner war die Stadt Berlin. Fand er vor dem Krieg seine Motive in den stillen Straßen der Altstadt um Parochialkirche und Klosterstraße, wo er aufgewachsen war, faszinierten ihn nach 1945 die Fensterausblicke auf Ruinen und Geröllmassen der zerstörten Stadt. In seinen melancholischen Stadtlandschaften stellen sich schwarze Brandmauern den Bombenkratern und Fensterlöchern entgegen. Diese Elemente seiner Bildwelt hat Heldt auch auf das hölzerne Türblatt skizziert. Aus einer Gasse zwischen Mietshausfassaden mit roten Dächern und der Kuppel der Parochialkirche ergießt sich eine Flut von Geröll, die vier weiße, maskenhafte, gespensterartige Gesichter in den Vordergrund geschwemmt hat. Dass der objekthafte Bildträger, die Tür aus einem kriegsversehrten Haus, ebenfalls Spuren von Zerstörung trägt, wird an dem fehlenden Türgriff samt neobarockem Messingbeschlag deutlich, der immerhin eine dekorativ ornamentale Spur hinterlassen hat und damit ein fremdes, fast surreales Element in die Komposition einbringt. Der ästhetische Bruch zwischen den Resten bürgerlicher Wohnkultur und den vier primitivistischen Köpfen könnte nicht größer sein. Was Heldt mit weichen Wachskreiden und Schminkfarben in Schwarz, Rot und Gelb auf die helle Tür gezeichnet oder gekritzelt hat, verbindet das Motiv der leeren Stadt mit einem weiteren, das der Künstler bereits in den 1930er-Jahren ausformuliert hatte: die Menschenmasse in Aufruhr. In seinem Zyklus von Zeichnungen »Zu März 1848« wirbelt eine Masse anonymer, grinsender Gesichter aus dem Bildhintergrund nach vorn. Berühmt ist die Zeichnung »Aufstand der Nullen (Meeting)« aus dem Jahr 1933/34. Nicht nur in diesen eindringlichen Bildern hat Heldt seine Kritik an gedankenloser Konformität und Uniformität, seine Angst vor dem Verlust jeglicher Individualität und Kultur, ausgelöst von der Machtübernahme der Nationalsozialisten, formuliert, sondern auch in seiner philosophischen Schrift »Einige Beobachtungen über die Masse« von 1927–35. Darin heißt es: »Alleinsein ist gegenwärtig nicht in Mode. […] einer Majorität, einer Partei angehören, […] das erleichtert, erlöst von persönlicher Verantwortung.« Heldt zeigt die entindividualisierte Menge, die für ihn aus »Massenstücken« besteht, Gescheiterte, versammelt, um »zu versuchen, mit Hilfe der Majorität die Wirklichkeit durch Lüge und Gewalt aus der Welt zu schaffen«. Die Realität der in Schutt und Ruinen liegenden Stadt ist das grausige Resultat dieses Wahns. Auf der Tür des ehemaligen geheimen Treffpunkts antifaschistischer Künstler und Kunstliebhaber in der Margaretenstraße 4 hat Heldt vier übriggebliebene »Massenstücke« als Untote im Schuttgeröll verewigt und uns damit ein treffendes Bild jener Umbruchszeit gegeben, die alles andere als eine »Stunde Null« gewesen ist.

Heute erweist sich, dass das, was im zerbombten Berlin als spontane Gelegenheitszeichnung entstand, als Vorbote einer Objekt- und Antikunst angesehen werden kann, mit der eine jüngere Generation von Künstlern wenige Jahre später die Kunstwelt schockierte. 1948 gründete sich in Amsterdam die Gruppe Cobra, »die erste Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg, die ein neues Lebensgefühl zum Ausdruck brachte, die Sehnsucht nach der Einheit von Traum und Tat«, heißt es im Manifest, das Künstler wie Karel Appel und Constant verfassten. Gegen Abstraktion und Surrealismus führten sie das Primitive, die Kinderzeichnung, die Kunst der Geisteskranken ins Feld, eine Kunst, die Werner Heldt 1947 in der Galerie Rosen in dem Vortrag »Das Beispiel der Franzosen. Einiges über Gesundheit und Krankheit« propagierte und dabei den deutschen Künstlern zurief: »Lasst euch nicht das Recht auf den Traum bestreiten!« Ein Jahrzehnt später sind es französische Affichisten wie Raimond Hains, die Bretterzäune mit abgerissenen Plakaten von den Pariser Straßen in die Kunstgalerien überführen.

Werner Heldts Berliner »Tür« öffnet um 1946 einen Spalt breit den Raum zur Objektkunst der 1960er-Jahre. Doch hätte der Künstler dieses Ding womöglich gar nicht als Kunst ausgestellt. Ins Werkverzeichnis wurde es 1976 gleichwohl aufgenommen, und 1977 erwarb es die Berlinische Galerie von der Galerie Springer. Posthum berühmt wurde Heldt für seinen Zyklus »Berlin am Meer«: In diesen stilllebenhaften Stadtansichten ist die schützende Grenze zwischen Innen- und Außenwelt zerstört. Unter dem Schutt liegt der märkische Sand, der in vorgeschichtlicher Zeit Meeresboden war. »Berlin am Meer« ist die versöhnende Metapher für den Neuanfang aus Überresten – der preußischen Reichshauptstadt, der Metropole der ersten deutschen Republik und zuletzt der Machtzentrale des »Dritten Reichs«, in der als eine Insel des »anderen Deutschlands« die Wohnung in der Margaretenstraße 4 in Tiergarten überlebte.

Die Autorin, Annelie Lütgens, ist Leiterin der Grafischen Sammlung an der Berlinischen Galerie.

Weitere Artikel

Nach oben