Meisterstück eines Passfälschers

Es war ein junger Grafiker, der Ende des Jahres 1942 für den jüdischen Arzt Kurt Hirschfeld das »arische« Personaldokument auf den Namen Heinz Gützlaff anfertigte. Cioma Schönhaus, der einst eine Kunstgewerbeschule besucht hatte, verstand sich bestens darauf. Handelte es sich hier um kriminelle Energie? Nein, im Gegenteil, es ging darum, möglichst viele als Juden verfolgte Menschen den Verbrechen eines kriminellen Regimes zu entziehen.

Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Die von Cioma Schönhaus gefälschte Kennkarte für Kurt Hirschfeld, November 1942 14,5 × 21 cm. Gedenkstätte Stille Helden

Bis zu 7000 Berliner Jüdinnen und Juden tauchten zwischen 1942 und 1945 unter, als immer klarer wurde, dass die Deportationen in den Tod führten. Einer von ihnen war Samson Schönhaus, genannt Cioma, einziger Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. In den letzten Septembertagen 1942 – mit gerade zwanzig Jahren – flüchtete er in die Illegalität, nachdem seine Eltern Fanja und Boris Schönhaus und seine Großmutter im Juni »in den Osten« deportiert worden waren. Als Rüstungsarbeiter war Cioma damals von der Verschleppung verschont worden und allein in Berlin zurückgeblieben.

Durch eine Freundin kam er in Kontakt mit Franz Kaufmann, Mitglied der Bekennenden Kirche in Berlin-Dahlem. Dieser ehemalige Regierungsrat jüdischer Herkunft, der in einer »privilegierten Mischehe« lebte, baute ein ganzes Helfernetz für untergetauchte Juden auf. Er gab die so dringend benötigten falschen Papiere in Auftrag, die er dann an die Hilfesuchenden verteilte, damit sie eine Chance hatten, im Untergrund zu überleben. Oft spendeten Gläubige der Bekennenden Kirche im Opferstock ihre Ausweise, die dann »umgearbeitet« werden konnten.

Im Herbst 1942 lieferte Schönhaus sein »Gesellenstück« ab – die erste gefälschte Kennkarte. Sie musste nicht nur Kaufmann, sondern vor allem Polizisten überzeugen, die den neuen Inhaber künftig kontrollieren würden. Schönhaus selbst blieb denen, die in den Genuss seiner Fälschungen kamen, völlig unbekannt. Pünktlich und gewissenhaft, als handele es sich um einen gewöhnlichen Beruf, lieferte der begabte Grafiker danach in regelmäßigen Abständen seine Produkte bei Kaufmann ab, der ihn begeistert »Fluchtkönig« nannte. Schönhaus, der am liebsten im weißen Kittel arbeitete, verfeinerte seine Technik immer mehr. Viele Jahre später berichtete er, wie er bei dieser diffizilen Arbeit vorgegangen war: Mit einer Zange mussten die Ösen, mit denen das Passbild des ursprünglichen Inhabers befestigt war, entfernt und das Foto des künftigen Besitzers sorgfältig eingefügt werden. Dies gelang ihm mithilfe einer Ösenstanzmaschine, die sich der findige junge Mann bei einem Schuhmacher besorgt hatte. Seine immer professioneller ausgeführten Stempel bezeichnete er als kleine technische Zeichnungen. Der Bedarf an Postausweisen und Kennkarten war groß, vor allem bei jüdischen Männern, die mit Kontrollen rechnen mussten, wann immer sie sich im öffentlichen Raum bewegten.

Sich selbst hatte Schönhaus einen russischen Ausweis auf den Namen Peter Petrov beschafft. Als er eines Tages seine Brieftasche mit diesem Dokument und anderen Papieren verlor, wurde er als »Passfälscher« steckbrieflich im gesamten Reichsgebiet gesucht und musste untertauchen.

Helene Jacobs, ebenfalls Mitglied der Dahlemer Bekenntnisgemeinde und mit Kaufmanns Helfernetz eng verbunden, wurde seine Rettung. Sie nahm den Passfälscher auf. Diese unscheinbare kleine Frau – eine ideale »Tarnkappe«, wie Schönhaus im Rückblick sagte – wagte riskante Aktionen, um Menschen zu retten. Sie schreckte dabei auch nicht vor »illegalen «Mitteln zurück, da sie sich auf der Seite des Rechts fühlte. Ihre kleine Wohnung in Wilmersdorf wurde nun zu Ciomas Grafikwerkstatt, sie beide wurden zu verschworenen Freunden, denen es gelang, zur Rettung vieler Untergetauchter beizutragen.

Diese Situation fand im August 1943 ein jähes Ende, als die Gestapo dem Helfernetz auf die Spur kam. Kaufmann, Helene Jacobs und viele andere wurden verhaftet. Schönhaus konnte nach einer Warnung noch rechtzeitig aus der Jacobs’schen Wohnung entkommen und floh nach einigen Tagen mit einem Fahrrad nach Stuttgart. Dann gelang ihm die Flucht über die Schweizer Grenze. Franz Kaufmann wurde in der Gestapohaft erschossen, Helene Jacobs zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Etwa 1700 der bis zu 7000 in Berlin Untergetauchten haben die Verfolgungszeit im Versteck überlebt. Zu ihnen gehörte auch Kurt Hirschfeld, Inhaber der von Cioma Schönhaus gefälschten Kennkarte, der vor allem durch die Widerstandsgruppe »Gemeinschaft für Frieden und Auoau« unterstützt wurde. Aber dies ist wieder eine andere Geschichte.

Die Kennkarte ist heute in der Gedenkstätte Stille Helden zu sehen, in der Rosenthaler Straße 39 in Berlin-Mitte – übrigens unweit der Sophienstraße, wo Familie Schönhaus bis zur Enteignung 1938 eine Mineralwasser-Firma betrieben hatte und Cioma aufgewachsen war.

In der Gedenkstätte wird die fast unglaublich klingende Geschichte des jungen Passfälschers und aller Beteiligten erzählt und darüber hinaus werden tausend andere Namen, Biografien, Dokumente und Fotos untergetauchter Jüdinnen und Juden und ihrer Helfer präsentiert.

Beate Kosmala

Dr. Beate Kosmala ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Stille Helden in der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

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