Mit Luft versendet.
Rohrpost in Berlin

Ein wenig archaisch muten sie an, die beiden Kammerapparate der Berliner Rohrpost in der Dauerausstellung des Museums für Kommunikation Berlin. Ihre gusseiserne, gedrungene Gestalt, die schweren, luftdichten Verschlussklappen und die messingschimmernden Luftdruckmesser künden von einer hochindustriellen, uns heute sehr fern erscheinenden Zeit. Dabei ist es gerade einmal 40 Jahre her, dass von diesen Apparaten Rohrpostzüge abgesandt wurden, die bis zu 50 km/h schnell durch Berlins Untergrund rasten.

Kammerapparate der Berliner Rohrpost aus dem Postamt W66. Museum für Kommunikation Berlin
Kammerapparate der Berliner Rohrpost aus dem Postamt W66. Museum für Kommunikation Berlin
© Museumsstifttung Post und Telekommunikation. Foto: Michael Erhart

Ihren Ursprung hat die Rohrpost in der sich rapide vernetzenden Welt des 19. Jahrhunderts. Mit Eisenbahn und elektrischer Telegrafie wird es ab 1840 möglich, zunächst zwischen Städten eines Landes, dann eines Kontinents und schließlich der gesamten bewohnten Welt in kürzester Zeit Nachrichten auszutauschen. Allerdings enden die Bahnstrecken und Kabel an wenigen zentralen Orten einer Stadt, in Berlin etwa am Haupttelegraphenamt und an den Bahnhofspostämtern. Der Umschlag an Briefen und Telegrammen ist dort gewaltig. Doch für die letzten Kilometer zum Empfänger steht kein modernes Transportmittel zur Verfügung: Boten und Postfuhrwerke müssen sich durch die verkehrsverstopften Straßen mit den ständig wechselnden Baustellen der Gas-, Wasser- und Abwasserbetriebe quälen, um die Nachrichten zuzustellen. Nicht selten benötigt ein ausgefertigtes Telegramm für die letzte Strecke länger als die elektrische Übertragung aus London, Paris oder Wien. Ein unhaltbarer Zustand!

Die Lösung des Problems kommt wie so oft aus dem Mutterland der Industrialisierung. In London wird schon seit 1863 eine unterirdische Bahn mit Luftdruck betrieben, um Post zwischen der Euston Station und dem Postamt Holborn zu befördern. Fasziniert von der Idee schlägt Werner von Siemens eine ähnliche Lösung für Berlin vor und erhält 1865 tatsächlich den Auftrag, eine Röhrenpost zwischen dem Haupttelegraphenamt und der Börse zu bauen. Trotz einiger Probleme, etwa einer hohen Wetterempfindlichkeit, sind die Geschwindigkeitsvorteile enorm: Nur anderthalb Minuten brauchen die mit Luftdruck angetriebenen Depeschenwagen für die 1,7 km lange Strecke. Überzeugt von den Chancen der Technik setzen sich nun Generalpostmeister Heinrich von Stephan, Reichskanzler Otto von Bismarck und andere Befürworter für eine stadtweite Lösung ein, und so wird vor 140 Jahren, am 1. Dezember 1876, die Berliner Stadtrohrpost mit anfangs rund 26 km Fahrrohr und 15 Rohrpostämtern eröffnet. In den Ämtern können die Berliner eilige Post aufgeben, die gerollt in Rohrpostbüchsen in einen Kammerapparat gelegt wird. Mit Druck- oder Saugluft wird die Rohrpostbüchse dann durch die Rohre gepresst – eine ebenso einfache wie geniale Technik.

Die weitere Entwicklung der Rohrpost erfolgt rasant: Noch vor der Jahrhundertwende werden Strecken nach Wedding, Friedrichshain und Charlottenburg gebaut; bis 1910 kommen Halensee, Friedenau und Neukölln hinzu. Zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung in den 1940er-Jahren verbindet die Berliner Rohrpost insgesamt 99 Stationen mit einem Fahrröhrensystem von 255 km Länge. Bis zu 9 Millionen Sendungen werden pro Jahr transportiert; in den Krisenjahren 1918 und 1944 sind es über 25 Millionen. Der hohe Durchsatz beweist die zentrale Rolle der Rohrpost für den Nachrichtenverkehr in Berlin. So wird diese nicht nur für die Beförderung von Telegrammen vom und zum Haupttelegraphenamt genutzt. Auch die Anlieferung der Bahn- und Flugpost, der Postscheckverkehr und ein innerstädtischer Eilpostverkehr erfolgen mit »Luftzügen«. Erst nach der Teilung der Stadt, mit der zunehmenden Motorisierung und dem Rückgang des Telegrammverkehrs schwindet die Bedeutung der Rohrpost. Sie wird im Westen der Stadt in den 1960er- und im Osten in den 1970er-Jahren stillgelegt.

Als Teil des riesigen Komplexes des Generalpostamts hat auch das frühere Reichspostmuseum seit 1876 einen unmittelbaren Anschluss an das Rohrpostnetz. Im Erdgeschoss des zur Mauerstraße liegenden Gebäudeteils wird zunächst das Rohrpostamt 5, später das Postamt W66 betrieben. Bis 1973 können hier Rohrpostsendungen empfangen und versendet werden. Danach bleiben die Sendeanlagen wie auch die im Keller befindliche Maschinenstation im Betriebszustand der letzten Tage erhalten – ein Glücksfall für das heutige Museum für Kommunikation Berlin. Denn aufmerksame Besucher können an den nun ausgestellten Kammerapparaten nicht nur die Arbeitsweise der Postbeamten rekonstruieren, sondern auch in die Berliner Stadtgeschichte eintauchen. So sind an den Schalttafeln mit den Aufschriften W8 und W9 noch die zuletzt angefahrenen Ziele – Französische Straße und Potsdamer Platz – zu erkennen. Zudem weisen die Herstellerplaketten der wohl in den 1920er-Jahren in Standardbauweise gefertigten Apparate auf einen einstmals florierenden Industriezweig Berlins: Neben DeTeWe hatten mit Mix & Genest sowie Siemens/Zwietusch mehrere global agierende Unternehmen an der Spree ihren Sitz, die Rohrpostanlagen in alle Welt verkauften.

Oliver Götze

Dr. Oliver Götze ist stellvertretender Direktor und Abteilungsleiter Öffentlichkeitsarbeit am Museum für Kommunikation Berlin.

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