Napoleons "petit chapeau" von Waterloo

"Napoleon ist in der Nacht ohne Huth und Degen entwischt, seinen Huth und Degen schicke ich heute am [sic!] König", schrieb Gebhard Leberecht von Blücher am 25. Juni 1815 an seine Frau Katharina Amalie. Weiter berichtete der preußische Feldmarschall: "[E]r war im Wagen um sich zurückzubegeben, als er von unseren Truppen überrascht wurde, er sprang heraus, warf sich ohne Degen zu Pferde, wobei ihm der Huth abgefallen, und so ist er wahrscheinlich durch die Nacht begünstigt entkommen, aber der Himmel weiß, wohin."

Zweispitz aus dem Besitz Kaiser Napoleons I., 1815. Wolle, Seide, Leder, Baumwolle, 25x48x18 cm. Deutsches Historisches Museums. Foto: Sebastian Ahlers
Zweispitz aus dem Besitz Kaiser Napoleons I., 1815. Wolle, Seide, Baumwolle,
Leder, 25x48x18 cm. Deutsches Historisches Museums. Foto: Sebastian Ahlers

Mit der Flucht des französischen Kaisers Napoleon I. endete am Abend des 18. Juni 1815 eine der größten Schlachten des 19. Jahrhunderts: die Schlacht bei Waterloo. Der Hut, der sich heute in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums befindet, ist eines der symbolträchtigsten Erinnerungsstücke an dieses Schlüsselereignis europäischer Geschichte.
Im März 1815 kehrte Napoleon aus der Verbannung auf Elba nach Frankreich zurück. Die Nachricht löste bei seinen Gegnern einen Schock aus. Nachdem er seinen Machtanspruch wieder erhoben und ein neues Heer aufgestellt hatte, war eine weitere militärische Konfrontation – seit 1792 befand sich Europa beinahe ununterbrochen im Krieg – unvermeidlich. Bei Waterloo kam es zum entscheidenden Kampf. Die zur Unterstützung der britisch-niederländischen Armee aufgebrochenen preußischen Truppen unter Feldmarschall Blücher erreichten das Schlachtfeld am späten Nachmittag und fielen der französischen Armee in die Flanke. Napoleons Soldaten mussten der Übermacht weichen. Auf alliierter Seite waren 22 000 Mann gefallen oder verletzt worden, auf französischer 25 000, insgesamt fast ein Viertel aller Beteiligten.

Den Franzosen bereitete der Rückzug über die von tagelangem Regen aufgeweichten Landstraßen größte Mühe. Während Napoleon vom Schlachtfeld ritt, blieb einer seiner Reisewagen bei Genappe im Schlamm stecken. Unterdessen hatten preußische Einheiten die Verfolgung aufgenommen. Den Flüchtenden dicht auf den Fersen, erreichten sie bald den liegengebliebenen Wagen. Major Heinrich Eugen Freiherr von Keller erbeutete ihn mit einigen Soldaten des Füsilierbataillons vom 15. Infanterie-Regiment. Im nächsten Ort fiel den Verfolgern eine weitere Kutsche in die Hände. Das in beiden Wagen transportierte Reisegepäck des Kaisers war ihre Kriegsbeute: Tafelsilber, Waffen, Orden und Hut sowie weitere Gegenstände, darunter eine Kassette mit Diamanten. Der gefundene Zweispitz war Napoleon jedoch vermutlich weder vom Kopf gefallen noch von ihm liegengelassen worden; vielmehr dürfte es sich um einen seiner Ersatzhüte handeln. Blücher hatte sich in seiner Darstellung des Geschehens wahrscheinlich auf fantasievoll ausgestaltete Berichte bezogen. Dessen ungeachtet besaßen die Preußen mit dieser Beute ein materiell zwar nur wenig interessantes, dafür aber an Symbolkraft kaum zu übertreffendes Objekt. Denn der "petit chapeau" war das Markenzeichen Napoleons: Der "kleine Hut" gab dem französischen Herrscher seine unverwechselbare Gestalt.

Napoleon ließ alle seine Hüte exklusiv von dem Pariser Hutmacher Poupart aus schwarzem Biberfilz anfertigen. Für die kaiserliche Garderobe wurden jährlich bis zu zwölf Hüte hergestellt, das Stück zu 48 Francs. Deutlich unterschied sich diese einfache, nur mit einer Kokarde gezierte Kopfbedeckung von den mit goldenen Borten und Federn prächtig geschmückten Hüten der Marschälle und Generäle. Das Lieblingskleidungsstück des Kaisers war nicht nur seinen Untertanen gut bekannt, sondern auch seinen Gegnern, vor allem durch Bilder auf Flugblättern.

Den bei Waterloo erbeuteten Hut schickte Major von Keller zusammen mit Napoleons Degen und Orden an Feldmarschall Blücher, der die Gegenstände König Friedrich Wilhelm III. überbrachte. Der Monarch ließ diese als Trophäen in der Kunstkammer im Königlichen Schloss zu Berlin aufstellen. Für den König repräsentierten sie nicht nur den Sieg über den französischen Kaiser. Von Bedeutung war auch, dass durch die Beute die Schmach des Verlusts des Degens und des Schwarzen Adlerordens seines Großonkels, König Friedrich II., kompensiert wurde. Die Andenken an den großen Preußenkönig hatte Napoleon nämlich 1806, nach seinem Sieg bei Jena und Auerstedt und seinem Einzug in Berlin, als Trophäen nach Paris bringen und dort zur Schau stellen lassen. Jenseits dynastischer Symbolpolitik machte Major von Keller, der für seine Verdienste mit dem höchsten preußischen Orden Pour le Mérite ausgezeichnet wurde, mit der restlichen Waterloo-Beute Geschäfte: Er verkaufte die Diamanten und lieferte eine der Kutschen für 2500 Pfund nach Großbritannien.

Und wohin entkam Napoleon nach der Schlacht? Er zog sich nach Paris zurück. Auf die militärische Katastrophe folgte bald die politische. Der geschlagene Feldherr verlor die Unterstützung seiner Anhänger, am 22. Juni musste der Kaiser der Franzosen abdanken. Bei dem Versuch nach Amerika zu emigrieren, geriet er in britische Gefangenschaft. Die siegreichen Verbündeten verbannten ihn nach St. Helena, eine kleine Insel im Südatlantik. Dorthin nahm Napoleon vier Hüte mit.

Thomas Weißbrich

Dr. Thomas Weißbrich ist wissenschaftlicher Leiter der Sammlung Militaria II (Uniformen, Fahnen, Orden und militärische Grafik) am Deutschen Historischen Museum.

 

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