Nofretete ungeschminkt

Wer den Namen Nofretete hört, denkt an eine stolze Königin, eine Schönheit aus dem alten Ägypten mit blauer Krone und prachtvollem Schulterkragen, deren Büste von Ludwig Borchardt bei Grabungen in Amarna im Dezember 1912 gefunden wurde. Vom Moment an, in dem die »bunte Königin « der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, verkörperte sie ein weibliches Schönheitsideal der Antike.

Ägyptisches Museum und Papyrussammlung SMB. Foto: Sandra Steiß
Unvollendeter Statuenkopf der Königin Nofretete, Neues Reich, 18. Dynastie, um 1354-51 v. Chr. Bemalter Kalkstein, 30 x 18 x 21 cm. Ägyptisches Museum

Das unvollendete Bildnis Nofretetes, das im Neuen Museum in direkter Nähe zur farbigen Büste zu sehen ist, ist weniger bekannt und mag auf den ersten Blick ein wenig befremdlich anmuten, zeigt doch der Rohling ein nahezu unbemaltes und bildhauerisch noch nicht vollständig ausgefertigtes Porträt der Königin. Nofretete präsentiert sich ihren Betrachtern gewissermaßen ungeschminkt. Dennoch sind ihre Züge unverkennbar. Kein Wunder: Die weltberühmte »bunte Königin« war sehr wahrscheinlich das Vorbild für den Statuenkopf. Obwohl die farbige Büste vollendeter erscheint, ist sie lediglich ein Modell. Sie wurde aus Gips gefertigt, ein Material, das im alten Ägypten ein niedriges Ansehen genoss und nicht für Statuen verwendet wurde.

Büste der Königin Nofretete, Neues Reich, 18. Dynastie Armana-Zeit um 1340 vor Christus, Kalkstein und Gips
Büste der Königin Nofretete, Neues Reich, 18. Dynastie Armana-Zeit um 1340 vor Christus, Kalkstein und Gips
© SMB, Ägyptisches Museum. Foto: Jürgen Liepe

Wie das Gipsmodell weist auch der Rohling markante Wangen knochen und einen schlanken Hals mit sichtbaren Sehnen auf. Nofretetes Züge sind dynamisch, fast energisch. Einerseits verleihen sie ihr ein herbes Aussehen, andererseits weisen sie das Porträt für uns als das einer erwachsenen, intelligenten und lebenserfahrenen Frau aus. Der Rohling ist aus Kalkstein gefertigt und verfügt über den für Nofretete charakteristischen Kronenansatz. Hier, wie an den Ohren, sind noch deutliche Meißelspuren zu erkennen, während Gesicht und Hals bereits einer ersten gründlichen Oberflächenglättung unterzogen wurden. Augen und Augenbrauenwulst Nofretetes sind in Vorbereitung des nächsten Bearbeitungsschritts bereits mit Pflanzenschwarz auf den Kalkstein gemalt. Andere, zwar zarte, aber dennoch entschlossene Pinselstriche wie in der Mitte der Stirn, unter dem linken Auge oder zu beiden Seiten des Mundes kennzeichnen Stellen, die nach Ansicht des Bildhauers noch Korrekturen oder eine detailliertere Modellierung durchlaufen sollten.

Büsten und Porträtköpfe dienten im alten Ägypten als Bildhauermodelle, anhand derer Ganzkörperskulpturen geschaffen wurden. Überhaupt durften sie nur zu Studienzwecken angefertigt werden, da man glaubte, alles Dargestellte entspräche der Realität und wirke sich auf die abgebildeten Personen aus. Statuen wurden einem religiösen Ritual unterzogen, damit sie von der dargestellten Person beseelt werden konnten. Eine Büste hingegen galt als etwas Unvollständiges. Im alten Ägypten wurden abgetrennte Köpfe oder Gliedmaßen als vollendete Werke nur präsentiert, wenn sie von Feinden oder Gefangenen stammten.

Das Anfertigen von Modellen war demzufolge Bildhauern vorbehalten. Die Verwendung dieser Prototypen hatte praktische Gründe, allen voran die Tatsache, dass die Königin dem Bildhauer in seiner Werkstatt nicht ständig Porträt sitzen konnte, aber dennoch eine große Anzahl Plastiken produziert werden musste. Zu Lebzeiten Nofretetes und ihres Gemahls Echnaton waren unzählige Kunsthandwerker damit beschäftigt, innerhalb möglichst kurzer Zeit in der neuen Hauptstadt Amarna Paläste, Tempel und Statuen zu errichten.

In der Amarnazeit wurde die Komposittechnik geprägt, bei der ein Kopf mittels eines Zapfens direkt in einen Torso bzw. in eine größere Statue eingesetzt wurde. Da am Fundort des Statuenkopfes – die wahrscheinlich dem Oberbildhauer Thutmosis unterstehende Bildhauerwerkstatt P 47.1-3 – zwar zahlreiche Köpfe und Büsten, aber nur wenige Torsi gefunden wurden, liegt die Vermutung nahe, dass einzelne Werkstätten sich auf die Produktion bestimmter Bildnisteile spezialisiert hatten. Köpfe wurden vermutlich in der einen, Torsi in einer anderen Werkstatt gefertigt. Die Einhaltung der Proportionen und die Passgenauigkeit bei der Zusammenfügung der Statuenteile waren durch ein allgemein verbindliches Maßsystem gewährleistet, bei dem der Körper in eine bestimmte Anzahl Quadrate unterteilt wurde. Durch diese Vorgehensweise konnte die Statuenproduktion beschleunigt und die Anzahl der gefertigten Plastiken erhöht werden.

Auch der unvollendete Statuenkopf der Nofretete ist auf den ersten Blick ein typischer Komposittechnikkopf. Da der Kronenzapfen aber fehlt, bleibt unsicher, ob er Teil einer größeren Plastik werden sollte oder funktional mit der »bunten Königin« gleichzusetzen ist. Wie viele Bearbeitungsschritte der Rohling bis zu seiner Fertigstellung noch erfahren hätte, bleibt im Dunkeln. Auch warum er nie vollendet wurde, ist unklar. Das Ende des Pharaos Echnaton und der Amarnazeit gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Vieles weist darauf hin, dass die Bevölkerung die Stadt nach dem Tod Echnatons innerhalb kurzer Zeit verließ. Ebenso wenig ist über das Schicksal seiner Gemahlin Nofretete bekannt. Dutzende, wenn nicht Hunderte Male porträtiert, bleibt sie ein Mysterium. Wohl gerade deswegen fasziniert sie, wie kaum eine andere, die Menschen bis heute.

Josephine Natalie Weisflog

Josephine Natalie Weisflog war wissenschaftliche Volontärin beim MuseumsJournal und Museumsportal. Die Autorin dankt Anke Weber, wissenschaftliche Museumsassistentin beim Ägyptischen Museum und Papyrussammlung, für ihre fachliche Unterstützung.

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