Wardsche Kästen
Ein Dachbodenfund

Wardscher Kasten aus dem Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem, frühes 20. Jh. Foto: Chr. Hillmann-Hube

Alte Institutionen bergen immer wieder Überraschungen. Dieser Fund jedoch erstaunte selbst langjährige Mitarbeiter des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin-Dahlem: Auf einem Dachboden zwischen Samenstube und Gärtnerwohngebäude fanden sich im Frühjahr 2010 mehrere Wardsche Kästen an. Die spitzgiebeligen, mit grauer Ölfarbe bemalten und fest verschraubbaren Transportbehälter für Pflanzen schlummerten dort seit Jahrzehnten - für die praktische Arbeit nicht mehr zu verwenden, als museale Werte (noch) nicht entdeckt. Es ist ein seltener Glücksfall, dass diese wichtigen Zeugnisse der Arbeit botanischer Gärten zwischen 1840 und 1960 überhaupt als Originale erhalten geblieben sind - eine davon wurde in der Ausstellung »Humboldts Grüne Erben« gezeigt. Derzeit gehen die Autoren des Beitrags davon aus, dass sich deutschlandweit keine vergleichbaren Objekte in Sammlungen erhalten haben. Möglicherweise wurden die Kästen Anfang des 20. Jahrhunderts, also in den ersten Jahren des Botanischen Gartens am Standort Berlin- Dahlem, in der hauseigenen Tischlerwerkstatt angefertigt.

So unscheinbar ihr Erscheinungsbild auf den ersten Blick auch ist - die Erfindung der Wardschen Kästen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Erst mithilfe dieser bahnbrechenden Entwicklung des englischen Botanikers und Arztes Nathaniel Bagshaw Ward (1791-1868) wurde ab 1833 der massenhafte Transport von Pflanzen aus Übersee überhaupt möglich.

Noch bis ins 19. Jahrhundert bereitete der Seetransport lebender Pflanzen im Gegensatz zu Samen, Rhizomen, Wurzelknollen oder Zwiebeln erhebliche Probleme. Zur Standardausrüstung von Seeexpeditionen gehörten im 18. Jahrhundert vergitterte, manchmal auch verglasten Kästen, die französische, spanische und holländische Gärtner für den Landtransport über große Entfernungen entwickelt hatten. 1753 publizierte Henri Louis Duhamel de Monceau (1700-1782) die früheste bekannte Anleitung zum Transport von lebenden Pflanzen auf dem Meer. Darin werden auch die Probleme benannt, mit denen Seetransporte zu kämpfen hatten: Die Pflanzen mussten, um genügend Licht zu bekommen, an Deck untergebracht werden, wo sie viel Raum einnahmen. Dort waren sie der salzigen Gischt, bei der Durchquerung unterschiedlicher Klimazonen auch großen Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen unterworfen. Sie mussten regelmäßig ab gewaschen, belüftet, beschattet und gewässert werden. Wenn das Trinkwasser an Bord knapp wurde, entschied man sich im Zweifelsfall gegen die mitgeführten Pflanzen. Kaum verwunderlich, dass vor 1833 nur eine von 100 Pflanzen die Strapazen einer Seereise überlebte.

Kästen für den Seetransport von Pflanzen. Aquarell von Gaspard Duche de Vancy 1785. Paris, Bibliothèque Mazarine

Nathaniel Bagshaw Wards innovative Leistung bestand in der Entdeckung und praktischen Anwendung der Tatsache, dass Pflanzen in einem geschlossenen System einige Zeit überleben können, vorausgesetzt sie erhalten ausreichend Licht. Ursprünglich wollte der Engländer eine Schmetterlingspuppe in einer mit Erde gefüllten und verschlossenen Glasflasche zum Schlüpfen bringen. Zu seiner Überraschung keimten in der abgeschlossenen Atmosphäre ein Farn und ein Grashalm. Die Vorteile eines solchermaßen »geschlossenen Systems« für den Pflanzentransport liegen auf der Hand: Es schützt die Pflanzen einerseits vor salziger Gischt, Staub und schroffem Temperaturwechsel und gewährleistet zugleich genügend Licht und vor allem Feuchtigkeit, da das Wasser nicht verloren geht. Stattdessen kondensiert der tagsüber durch Wärmeentwicklung entstandene Wasserdampf in den nächtlichen Kühlephasen und läuft zurück in das Pflanzensubstrat.

Ward ließ eine verglaste Transportkiste aus besonders hartem Holz anfertigen, füllte den Boden mit Erde, wässerte die darin eingesetzten Pflanzen und verschloss den Kasten so dicht es ging. Im Juli 1833 schickte er zwei derart präparierte Kästen auf eine sechsmonatige Seereise nach Australien. Als sie dort eintrafen, hatten die britischen Farne und Gräser den Transport gut überlebt. Februar 1835 traten einige seltene, in Australien heimische Arten in denselben Kästen die stürmische Rückreise rund um Kap Horn an und trafen acht Monate später in sensationell gutem Zustand in London ein.

Als Ward seine Erkenntnisse 1842 in »On the Growth of Plants in Closely Glazed Cases« erneut zusammenfasste, waren seine Kästen bereits eine Erfolgsgeschichte. Der spätere Direktor der Royal Botanic Gardens in Kew, Joseph Dalton Hooker, transportierte damit erfolgreich Pflanzen aus Neuseeland nach England.

Wardscher Kasten, große Ausführung mit Tragegriffen

Die neue Transportmethode revolutionierte nicht nur das Geschäft der kommerziellen Pflanzensammler und -jäger, die im Auftrag reicher Liebhaber oder großer Gärtnereien unterwegs waren. Sie beschleunigte auch den globalen Austausch wichtiger Nutzpflanzen im Interesse und Auftrag der europäischen Kolonialmächte. Robert Fortune schmuggelte 20 000 Teepflanzen aus Shanghai nach Indien und in die Vereinigten Staaten, um das chinesische Teemonopol zu brechen. Das brasilianische Kautschukmonopol zerbrach, als es mithilfe der Wardschen Kästen gelang, über einen Zwischenstopp in Kew Jungpflanzen von Hevea brasiliensis nach Ceylon und Malaya zu exportieren. Der Transfer des Chinarindenbaums und der chinesischen Banane Musa cavendishii sind weitere Beispiele für die große agrar- und kolonialhistorische Bedeutung dieser Erfindung.

Wardscher Kasten, Ausführung für Gärten

Vor diesem Hintergrund ist auch die frühe Verwendung der Kästen im Berliner Kontext zu sehen. Seit 1891 bestand am Königlichen Botanischen Garten in Schöneberg bei Berlin die »Botanische Zentralstelle für die deutschen Kolonien«. Neben der Ausbildung von Gärtnern für den Dienst in den Tropen bestand eine ihrer Hauptaufgaben darin, botanische Versuchsstationen in den Tropen mit Jungpflanzen und Samen zu versorgen, damit dort der Anbau kolonialwirtschaftlich bedeutender Pflanzen aus der ganzen Welt erprobt werden konnte. Allein von 1891-1907 traten über 16 500 Pflanzen in Wardschen Kästen die Reise von Berlin nach Victoria (heute Limbe, Kamerun), Amani (Tansania), Sokodé (Togo) und Simpsonhafen (heute Rabaul, Papua-Neuguinea) an, darunter Setzlinge für Kaffeesträucher, Kakao und Kautschukbäume, Ölpalmen und Bananenstauden.

Für den Versand von Zier- und Nutzpflanzen blieben die Wardschen Kästen bis in die 1960er- Jahre hinein die Standardmethode. Dass die Kästen danach in Vergessenheit gerieten, hat mit der Entwicklung des Lufttransportes zu tun. Andererseits ist aber auch das großflächige Sammeln von lebenden Pflanzen nicht mehr üblich. Artenschutzabkommen regeln die Ausfuhr seltener Pflanzen und für Forschungszwecke werden immer gezielter Pflanzenproben entnommen.

Kathrin Grotz und H. Walter Lack

Kathrin Grotz ist Referatsleiterin für Ausstellungen, Prof. Dr. H. Walter Lack war Direktor am Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem der Freien Universität Berlin.

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