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Foto: Helle Møller
Street Art der Künstlerin Augustina Berlin, Einsendung zum Aufruf "Berlinjetzt!" des Stadtmuseums Berlin.

Collecting Corona

Viele Museen verhalten sich wahrhaft visionär und haben in der Krise den historischen Moment erkannt. Wie das? Schon jetzt ist die Corona-Pandemie Medizin- und Zeitgeschichte, die Erfahrungen der Menschen werden langfristig die Stadt- und Regionalgeschichte prägen. Wer heute mit Maskenpflicht, Homeoffice oder Kurzarbeit konfrontiert ist, könnte demnächst Zeitzeuge sein. Zettel in Schaufenstern, Hinweistafeln, Absperrbänder, Plexiglasscheiben an Kassen, Einweghandschuhe und Atemschutzmasken – all das und vieles mehr wird irgendwann wieder verschwinden. Deshalb gehen Museen in weiser Voraussicht schon heute auf Spurensuche und legen ein Online-Gedächtnis für ihre jeweiligen Regionen an. Das Wien Museum in Österreich, war eines der ersten Museen, das die Bedeutung dieser Zeugnisse erkannte. Es sammelt unter der Adresse [email protected] Fotos von Corona-Objekten und die dazugehörigen Geschichten. In der Schweiz sammelt das partizipative Archiv Corona-Memory.ch unter dem Hashtag #CoronaMemory persönliche Momentaufnahmen zur Coronavirus-Pandemie. Längst ist auch in Deutschland die museale Sammelwut ausgebrochen, von Hamburg über Köln bis München. Wie sieht es in Berlin aus?

© Museum Europäischer Kulturen. Foto: Judith Schühle
Gabenzaun

Das Museum Europäischer Kulturen (MEK) sammelt und vermittelt Alltagskultur in Europa vom 18. Jahrhundert bis heute. Und so bittet das Haus unter dem Hashtag #CollectingCorona Menschen in ganz Europa um persönliche Eindrücke und Zeugnisse. Für künftige Generationen soll dokumentiert werden, wie sich die Pandemie auf dem Kontinent anfühlt. Alle an [email protected] gesendeten Texte, Fotos oder Videos werden Teil eines Sammlungskonvoluts des MEK.

Foto: Jacqueline Hagenstein
Maskenkleid, Berlin 16.4.2020, Baumwolle und Gummiband, genäht, Einsendung zum Aufruf "Berlinjetzt!" des Stadtmuseums Berlin.

Das Stadtmuseum Berlin dokumentiert in seinem Verständnis als »Gedächtnis der Stadt«, wie das Corona-Virus den städtischen Alltag in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt hat. Der Aufruf »Berlin jetzt!« bietet eine öffentliche Plattform, Berliner Zeitgeschichte zu erzählen. Jeder kann einfach ein Foto samt Einsendeformular an [email protected] schicken. Es sollen sich nicht nur prominente Personen angesprochen fühlen, auch Anekdoten sind ausdrücklich erwünscht. Bisher sind 242 Objekte online.

Foto: SaBuXX
Street Art: Beschriftete Matratze des Berliner Graffiti-Künstlers Sozi36, Einsendung zum Aufruf "Berlinjetzt!" des Stadtmuseums Berlin.

Mit den Veränderungen und Herausforderungen wegen der Covid-19-Pandemie wandelt sich auch unsere Kommunikation: Die Digitalisierung wird beschleunigt, die Kommunikation per Videokonferenz erlebt einen Aufschwung und auch der Postversand boomt wie sonst nur in der Vorweihnachtszeit. Ob das unsere Kommunikation auch nachhaltig verändert, interessiert das Museum für Kommunikation Berlin. Sie fragen: Welche Kommunikationsformen sind Ihnen besonders wichtig? Haben Sie spezielle Briefe oder Pakete von Verwandten oder Freunden bekommen? Haben Sie Geräte angeschafft, um per Video in Kontakt zu bleiben? Hatten Sie ein besonderes Kommunikationserlebnis – digital oder analog? Hier kann man Objektvorschläge unterbreiten und Bilder hochladen. Als Dankeschön gibt es Eintrittsgutscheine fürs Museum.

Das Archivteam vom Museum Tempelhof-Schöneberg möchte ebenfalls die gegenwärtigen Ereignisse für die nachfolgenden Generationen festhalten und bittet um niedergeschriebene Gedanken, Fotos, Dokumente oder Objekte. Bei Interesse kann man sich beim Archiv melden. Die Museen Treptow-Köpenick haben explizit die Bewohnerinnen und Bewohner des Bezirks aufgerufen, zu einer regionalgeschichtlichen Corona-Sammlung beizutragen. Fotos und Erinnerungen zum Lockdown sind hier einzureichen.

Das Jüdische Museum Berlin ruft dazu auf, Fotografien, Filme und weiteres Material speziell zu Pessach während der COVID-19-Pandemie einzusenden. Viele Familien konnten zum Sederabend nicht zum gemeinsamen Festmahl um einen Tisch sitzen und haben phantasievoll nach Alternativen gesucht. Um diese Ausnahmesituation für später zu dokumentieren, sind Beiträge an den Bereich Zeitgeschichte willkommen.

Auch aus Sicht des Deutschen Historischen Museums (DHM) entsteht gerade ein neues Sammlungsgebiet. Für das DHM ist ausschlaggebend, was mit längerem Blick auf historische Entwicklungslinien zu bewahren wäre. Objekte wie die Pestmasken erinnern im Museum an vergangene Epidemien, die Bekämpfung von Krankheiten oder die Ausgrenzung von Kranken. Insofern könnten z. B. Schutzmasken und die damit verbundenen Geschichten aufschlussreich sein.

© Deutsches Historisches Museum
Maske, vermeintlich von Pestärzten getragen, Deutschland/Österreich, 1650/1750.

Allerdings kann die Pandemie nicht mit Epidemien früherer Zeiten verglichen werden. Heute ist das populäre medizinische Wissen ungleich größer. Die bisher gesammelten Dokumente und Objekte zeigen, dass die Corona-Krise trotz aller Unsicherheiten auch Kreativität auslöst. Es gibt wunderbare Kuriositäten und berührende Einsendungen. So machte sich der kleine Flip, der untröstlich war, seinen heiß ersehnten siebten Geburtstag nicht feiern zu dürfen, mit einer Zeichnung "Das böse Virus" Luft (MEK-Sammlung). Dem bayrischen Museum Erding wurde ein Mobile angeboten, in dem gehäkelte Coronaviren einen wollenen Erdball umkreisen. Noch hängt das Mobile im Wohnzimmer. Als Museumsobjekt wird es vielleicht irgendwann zum Botschafter unserer Zeit.

© Museum Europäischer Kulturen. Foto: Maartje van Hoek
Das böse Virus

Noch nie ist es so einfach gewesen, Alltagsgegenstände zu sammeln und vor allem zu dokumentieren. Doch damit sind weitreichende Fragen der Sammlungspraxis berührt. Das Londoner Verkehrsmuseum (LTM) entwickelte angesichts der besonderen Umstände kürzlich ein »Contemporary Collecting Ethical Toolkit«, das Museen helfen soll, die ethischen Aspekte beim Sammeln zeitgenössischen Materials zu berücksichtigen. Darin heißt es zum Beispiel: »Tun Sie nichts, was die Krise verschlimmert, von der Notfallreaktion ablenkt oder diejenigen, die daran beteiligt sind.« Bilder der typischen Pestmasken sind aktuell wieder allen geläufig. Was wird wohl für künftige Generationen die Bildikone der Corona-Epidemie und wird sie in irgendeinem Museum zu bestaunen sein?

© Stadtmuseum Berlin
Coronavirus und Plastikflut "Es spricht zwei Krisen an: 1. die Coronapandemie und 2. die Kunststoffverpackungen". Eingesendet von einer Berliner Künstlerin.

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