David Chipperfields Treppenskulptur nach Friedrich August Stüler
Vervollständigen ohne zu imitieren

Um in die oberen Stockwerke des Neuen Museums zu gelangen, sollte man auf jeden Fall die Treppe nehmen. Denn angemessener als treppensteigend kann man sich dem Baukörper von Friedrich August Stülers Neuem Museum und seiner zentralen Treppenhalle nicht nähern. Auch wenn von der einstigen, weit über Berlin hinaus bekannten malerischen Pracht der Treppenhalle nichts mehr übrig geblieben ist: Die schiere Größe des Raumes, seine fast schon monumentalen Ziegelwände und die in zeitgenössischen Materialien nachempfundene Geometrie der Stüler’schen Treppenanlage sind nach wie vor beeindruckend.

© SMB. Foto: Achim Kleuker
Neues Museum, Treppenhalle mit historischen Gipsabdrücken

Bei der von Stüler gewählten Treppenform handelt es sich um den Typus einer doppelarmigen Treppe, „bei welcher eine Mitteltreppe in zwei Seitentreppen mit entgegengesetzter Steigung übergeht, wobei auf der erstern oder auf den beiden letztern angetreten werden kann“, wie es in Meyers Konversationslexikon von 1885 heißt. Die Grundform dieser Treppe geht auf ein im Barock verwendetes Schema zurück, das im 18. Jahrhundert in Deutschland zum Standard fürstlicher Repräsentation gehörte. Eines der bekanntesten Beispiele ist Balthasar Neumanns Treppenhaus in der fürstbischöflichen Residenz in Würzburg, auch wenn einige Unterschiede zur knapp 140 Jahre später errichteten Treppe im Neuen Museum ins Auge fallen. In Würzburg bedient die Treppe nur das Piano nobile, während Stüler zwei Obergeschosse erschließt. Dort wird die Treppe vom großartigen Vier-Erdteile-Fresko Giovanni Battista Tiepolos überfangen, in Berlin war es ein filigraner offener Dachstuhl aus Stahl und ist heute ein schwerer, dunkler, aber weiterhin offener Dachstuhl aus Holz. Das Würzburger Treppenhaus wird von Fenstern an den Längsseiten belichtet, im Neuen Museum sind die Schmalseiten durchfenstert.

Treppenhalle um 1850 mit den Wandbildern von Kaulbach, Stahlstich
Treppenhalle um 1850 mit den Wandbildern von Kaulbach
Neues Museum, Stahlstich,
Abb. aus: Berlin und seine Kunstschätze, Leipzig und Dresden, ca. 1850.

Stüler legt die Mitteltreppe mit 7,40 Metern Breite repräsentativ an. Er verlängert den geraden Arm durch ein mittig eingefügtes Podest und verfährt ebenso bei den beiden nur halb so breiten Seitentreppen, die in entgegengesetzter Steigung und durch je einen Gang vom Mittellauf getrennt ins zweite Obergeschoss führen. Hier bereichert Stüler das Schema der beiden Arme um je ein weiteres Podest kurz vor Erreichen des Austritts, auf denen die Besucher sich um 90 Grad nach innen wenden müssen und auf einem gemeinsamen Austrittspodest wieder zusammenkommen. Dieses Podest wurde von der Nachbildung der Korenhalle des Erechtheion-Tempels auf der Akropolis gekrönt, die heute nicht mehr existiert.

Neues Museum, Treppenhalle
Neues Museum, Treppenhalle
© Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David Chipperfield Architects, Foto: Jörg von Bruchhausen

Zwei weitere Erechtheion-Zitate Stülers haben die Kriegszerstörung des Treppenhauses überdauert: die Kopie der viersäuligen Nordhallenfront des Tempels an der westlichen Schmalseite der Treppenhalle und, ihr gegenüber, die Nachbildung der prächtigen Tür der Nordhalle. Sie repräsentieren die letzten originalen, am Ort verbliebenen Ausstattungselemente des Treppenhauses. Ihnen galt, ebenso wie allen anderen erhaltenen Oberflächendekorationen, architektonischen Details und konstruktiven Formen, im Wiederaufbaukonzept des aus England stammenden Architekten David Chipperfield große Aufmerksamkeit: „Den schwierigsten Aspekt unseres Ansatzes darf man in dem Wunsch erkennen, vervollständigen zu wollen, ohne dabei zu imitieren. Wir wollen die erhaltenen Fragmente nicht durch das, was fehlt, zusammenbinden, sondern durch Material, das, bei Vermeidung von Imitation, dem Ganzen Ordnung und den Teilen Bedeutung zurückgibt.“

Blick auf die Treppe im Neuen Museum, Stand September 2007
Blick auf die Treppe im Neuen Museum,
Stand September 2007
© Foto: Jürgen Hohmuth / Zeitort.de

Als durchgängiges Material wählte Chipperfield vorgefertigten Kunststein, vulgo Beton, mit dem Böden, Decken und Wände der neu zu errichtenden Räume gestaltet wurden, teils als Last tragende Struktur, teils als Verkleidung. So auch in der Treppenhalle, in der der hellgraue Betonkunststein in großen rauen Blöcken die Treppenwangen bildet, in geschliffener Ausführung Treppenstufen, Bodenplatten und die beiden eingestellten Bänke, schließlich diamantformgefräst den handschmeichlerisch weichen Handlauf der massiven Geländer. Mancher Besucher wird in dem allgegenwärtigen Kunststein nur den banalen Ausdruck modernen Bauens sehen. Dazu mag die grobe Oberfläche ebenso beitragen wie das schummrige Kunstlicht in der Treppenhalle, das den Stein leblos wirken lässt. An sonnigen Tagen aber, wenn das Tageslicht durch die großen Fenster auf den Stein fällt, fängt das Grau an zu leben, schillert farbig und bekommt eine Körperlichkeit wie echter Stein. Es mag ungewohnt sein, die Verarbeitung von Betonfertigteilen unter handwerklichen Gesichtspunkten zu betrachten, vor allem in Nachbarschaft zu den vielen handwerklich wieder zum Leben erweckten Ornamenten, Wandmalereien und historischen Materialien. Doch jeder Kubikmeter Kunststein im Neuen Museum enthält 1300 kg Marmor-Zuschlagstoff von 2 bis 35 mm Durchmesser, die unter Tage im Erzgebirge abgebaut wurden. Sie machen vor allem aus den formgefrästen Handläufen ein äußerst edles Material, mit wenigen grünen, graumelierten oder sogar roten Einsprengseln und vielen, die wie Muschelschalen schimmern. Zudem sind die zum Teil sehr großen Betonfertigteile äußerst genau gefertigt und mit einer Maßtoleranz von nur einem Millimeter bei 5 mm Fugenbreite passgenau und ohne Ecken abzuschlagen aufeinander gesetzt. Aus Größe und zurückgenommener Farbigkeit ergibt sich ein spannungsreicher Kontrast zu den hohen historischen Mauern, die, ihres Putzes und jeglicher Dekoration beraubt, die serielle Kleinteiligkeit des Baumaterials Ziegel ebenso offenbaren wie interessante Mauerverbände. So wurden in den oberen Wandflächen, die ehemals die Wasserglasmalereien Wilhelm von Kaulbachs trugen, stehende (gelbe Sandziegel) und liegende Ziegel (rote »Wellenziegel« mit eingeritztem Wellenmuster an der Schmalfläche) so verbaut, dass Hohlräume innerhalb der Wandflächen entstanden, um die Trocknung der Malereien zu beschleunigen.

Eingang der Alten Nationalgalerie mit doppelläufiger Treppe und Portikus
Eingang der Alten Nationalgalerie mit doppelläufiger Treppe und Portikus
© Staatliche Museen zu Berlin, Foto: F. Friedrich

Den ruhigsten Punkt im manchmal recht turbulenten Treppenhaus findet man unmittelbar vor der sorgfältig restaurierten, jedoch verschlossenen Erechtheion-Türkopie vor dem Bacchussaal. Um die dahinterliegende Raumflucht zwischen Nofretete im Nordkuppelsaal und Helios im südlichen Pendant nicht zu stören, bleibt sie geschlossen, bilden die Gänge zur Tür nun eine Art Sackgasse. Bedauerlicherweise verliert das Treppenhaus dadurch nicht nur eine wichtige Verbindung zur Sammlung, es büßt auch das Licht von dort und einen großartigen Ausblick auf die benachbarte Alte Nationalgalerie ein. Erst vom obersten Podest aus kann man ihn genießen, dafür aber umso spektakulärer, befindet man sich doch auf Augenhöhe mit Friedrich Wilhelm IV., der auf seinem Ross das Freitreppenpodest der Nationalgalerie ziert. Beim Blick hinüber fallen die massiven Steingeländer der Freitreppe ins Auge. Ähnlich massiv sind auch die der Chipperfield’schen Treppe. Fast will es scheinen, als habe David Chipperfield angesichts des langen Zeitraums, in dem die Stüler’sche Treppe unter dem zerstörten Dach Wind und Wetter ausgesetzt war, eine Treppenskulptur errichtet, der dieses Schicksal erspart bleiben soll. Er hat damit der Treppe die Leichtigkeit genommen, das Filigrane der Geländer und der feinen Zickzacklinie der aufsteigenden Stufen. Jetzt sieht man nur die nahezu statischen Oberkörper der Besucher, ihre bewegten Beine verschwinden hinter den massiven Blöcken. Schwere und unverrückbare Statik verführen jedoch zu Interpretationen wie der eines spanischen Reiseführers, der, nach Osten auf die Erechtheion-Tür und die sie überfangenden grauen Baumassen weisend, erklärte: »Es todo una pirámide«, das ist eindeutig eine Pyramide. Das ist zwar gänzlich falsch, aber für ein Ägyptisches Museum vielleicht doch ein naheliegender Vergleich.

Christoph Tempel

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