Der Berliner Goldhut und das astronomische Wissen der Bronzezeit
Das Geheimnis der Kreise

3000 Jahre alt ist dieses Stück, und doch fast unversehrt. Noch immer geht ein Zauber von diesem hohen, schmalen Kegel aus, der, geheimnisvoll angestrahlt, in der Mitte des Sternensaals zu schweben scheint.

Zeremonialhut, Goldblech, Höhe 74,5 cm, um 1000 v. Chr., Fundort unbekannt, wohl Süddeutschland
Zeremonialhut, Goldblech, Höhe 74,5 cm, um 1000 v. Chr., Fundort unbekannt, wohl Süddeutschland
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Foto: Claudia Plamp

Aus einem einzigen Stück ist er gearbeitet, ganz ohne Naht, von allen Seiten gleich. Das Goldblech ist papierdünn ausgetrieben, so dass das Stück trotz seiner Höhe von 74 Zentimetern nur 490 Gramm wiegt. Ein sanftes Relief aus Rillen und Ringen, in deren Mitte Buckel sitzen, rhythmisiert den langen, goldschimmernden Schaft. Als das Objekt 1996 für das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte angekauft wurde, wusste man noch kaum etwas über seinen Zweck und seine Symbolik. Inzwischen ist sicher, dass es sich um eine zeremonielle Kopfbedeckung handelt. Wahrscheinlich war dieser Goldhut ursprünglich gefüttert, vielleicht mit Filz oder Leder. Er passt auf den Kopf eines Mannes. Nur drei weitere aus Gold getriebene Zeremonialhüte aus der Bronzezeit haben sich erhalten, zwei davon haben ihre Krempe verloren und waren daher gar nicht als Hüte zu erkennen. Doch die konische Form und die Ornamente gleichen sich bei allen vier Exemplaren – die sich im Alter, in Höhe und Gewicht unterscheiden –, sodass man von einer ähnlichen Funktion ausgehen kann. Einen der Kegelhüte fand man in Schifferstadt bei Speyer direkt unter der Erdoberfläche, stehend vergraben. So könnte auch der Berliner Goldhut, der leichteste und am besten erhaltene der vier Zeremonialobjekte, deponiert worden sein. Die Menschen des 2. vorchristlichen Jahrtausends pflegten Gaben an die Götter im Boden oder auch im Moor niederzulegen und sie auf diese Weise auch vor einer möglichen Entweihung zu schützen.

Getragen wurde diese zeremonielle Kopfbedeckung wohl von einem Priester oder Stammesführer bei kultischen Handlungen. Der Hut erhöhte seinen Träger nicht nur, er machte ihn auch zum Herrscher über die Zeit und die Abläufe in der Natur. Denn die Kreisscheiben, die den Kegel scheinbar zur Zierde überziehen, bilden ein ausgeklügeltes kalendarisches System. Dieser Hut enthält das Wissen über Sonnen- und Mondjahre und ihr Verhältnis zueinander und damit auch über Mondfinsternisse. Was man weiß, sogar berechnen und vorhersagen kann, verliert seinen Schrecken.

Der Sternensaal mit Zeremonialhut und ringförmiger Vitrine
Der Sternensaal mit Zeremonialhut und ringförmiger Vitrine
© Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Achim Kleuker

Seit frühester Zeit verfolgen Menschen den Lauf der Gestirne am Himmel, etwa um Zeitpunkte für die Aussaat und Ernte, aber auch für kultische Feste zu bestimmen. In der Jungsteinzeit legten sie kreisförmige Gräben an, um die Sonnenwenden zu beobachten – solchen Anlagen ist die Vitrine nachempfunden, die den Goldhut im Sternensaal umgibt. Immer wieder ging es bei diesen Beobachtungen auch, wie die Exponate und Abbildungen in der Vitrine zeigen, um das Verhältnis der Mondphasen (mit den jeweils 29,5 Tagen) zum Jahr (mit seinen 365,25 Tagen), wie es sich nach Sonnenständen und Sternbildern einteilen lässt. Auf einer mesopotamischen Tontafel ist festgehalten, dass alle zwei bis drei Jahre ein zusätzlicher Mondmonat eingeschaltet werden muss. Man hatte also erkannt, dass das Mondjahr 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr ist. Was hier in Keilschrift dokumentiert ist, wurde in Troja mittels grafischer Symbole ausgedrückt: 11 Ritzlinien zwischen Tierkreiszeichen auf einem Tondeckel geben die Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr an. Die 32 Sterne auf der Himmelsscheibe von Nebra lassen sich als die 32 Sonnenjahre deuten, die den 33 Mondjahren entsprechen, und auch auf zwei Goldschalen aus dem Schatz von Eberswalde findet man die Zahlen 32 und 33, zählt man Ringe und Kreisscheiben zusammen. Auf dem Sonnenwagen von Trundholm ist vermutlich der Saroszyklus vergegenwärtigt, der bereits im 3. Jahrtausend vor Christus in Babylonien und China bekannt war. Er besagt, dass sich Mondfinsternisse alle 18 Jahre und 10 Tage in einer ähnlichen Rhythmik wiederholen. Bei einer Mondfinsternis steht die Erdkugel so zwischen Sonne und Mond, dass die Sonne ganz verdeckt wird, das geschieht, wenn sich die unterschiedlichen Umlaufbahnen des Mondes um die Erde und der Erde um die Sonne kreuzen.

Auch auf dem Berliner Goldhut findet man wahrscheinlich den Saroszyklus in verschlüsselter Form. Wenn man alle Musterelemente der horizontalen Zonen 3 bis 13 zusammenzählt, erhält man die Zahl 223, die 223 Monate eines Finsterniszyklus’. Die Ornamentstempel der Zonen 2 bis 18 ergeben die 354 Tage eines Mondjahres. Anschaulich wird auf dem Hut möglicherweise auch der Metonzyklus, benannt nach dem Griechen Meton. 432 vor Christus berechnete er, dass alle 19 Jahre Sonnen- und Mondzyklus synchronisiert sind, also der Mond wieder die ursprüngliche Position zu den anderen Himmelskörpern eingenommen hat. Dann fallen beispielsweise die Vollmonde wieder auf die gleichen Tage. 228 mal 365,24 Tage, die ein Sonnenjahr hat, entsprechen 235 mal 29,5 Tagen des Mondmonats.

Es ist eine Überraschung, dass schon die bronzezeitlichen Gelehrten im noch schriftlosen Europa diese Verhältnisse kannten. Dazu muss man die Anzahl der Kreise auf dem Goldhut berücksichtigen, die die einzelnen Buckel umgeben. So sind auf dem äußeren Ring der Hutkrempe 47 fünffache Kreise dargestellt, das entspricht den 235 Mondmonaten des Metonzyklus. Auf dem inneren Ring und dem Ansatz der Kalotte sind es insgesamt 228 Kreise, also die Zahl der solaren Monate des Zyklus. Die fünfte Zone von oben weist eine besondere Ornamentik auf: ein Mandelaugenmuster (liegende Rauten) begleitet von liegenden Halbmonden, die mit einem Punkt gefüllt sind. 19 Mondsicheln sind es, die die 19 Mondjahre symbolisieren, bis Sonnen- und Mondzyklus wieder zusammenfallen. Auch die Sonne, das zentrale, lebensspendende Gestirn, ist präsent – wie bei zwei der drei anderen Zeremonialhüte auch: Sie wird durch die acht langen Strahlen versinnbildlicht, die sich um die Spitze des Kegels legen.

Der Goldhut ist also nicht nur ein Meisterwerk spätbronzezeitlicher Goldschmiedekunst, er ist auch ein hochkomplexer Kalender. Nichts an diesem Stück ist dem Zufall überlassen, weder die Zahl der Schmuckzonen insgesamt noch die der einzelnen Teile, nicht einmal die Anzahl der Ringe um die vielen Buckel. Doch kann man ihn nur lesen, wenn man um die Symbolik und die Regeln weiß. Er verkörpert mithin die Kenntnisse einer Elite.

Neues Museum, Grundriss Ebene 3, Gelb markiert ist der Sternensaal mit dem Zeremonialhut der Bronzezeit
Neues Museum, Grundriss Ebene 3, Gelb markiert ist der Sternensaal mit dem Zeremonialhut der Bronzezeit
© David Chipperfield Architects

An seinem letzten Standort in Charlottenburg wurde der Kegelhut zusammen mit anderen Goldfunden der Bronzezeit gezeigt, als herausragendes Kunstwerk dieser weitgehend schriftlosen Epoche. Im Sternensaal des Neuen Museums, benannt nach dem gotischen Sternengewölbe, ist er ein Beispiel für die Weise, in der frühe Gesellschaften ihr astronomisches Wissen verschlüsselten. Was bei der Archäologischen Promenade im Untergeschoss bisweilen unvermittelt wirkt, die vergleichende Betrachtung eines Themas in unterschiedlichen Kulturen und Epochen, ergibt sich hier ganz von selbst.

Annette Meier

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