Der Niobidensaal
Gemalte Antike

Eine tragische Geschichte verbindet sich mit dem Namen des am besten erhaltenen Raumes im Neuen Museum – dem Niobidensaal.

Abb. aus: Friedrich August Stüler, Das neue Museum in Berlin, 24 Tafeln, Berlin 1862.
Friedrich Stülers Gestaltung der Eisenkonstruktionen im Niobidensaal.

Die thebanische Königin Niobe rühmte sich ihrer vierzehn Kinder, in ihrem Hochmut stellte sie sich gar über die Göttin Leto. Die erzürnte Göttin ließ daraufhin ihre eigenen Kinder bittere Rache nehmen: Alle sieben Söhne und sieben Töchter der Niobe fielen den Pfeilen der Artemis und des Apollon zum Opfer. Der ungeheure Schmerz über den Verlust ließ Niobe erstarren. In Stein verwandelt, wurde sie an den Berg Sipylos versetzt und vergoss dort weiter ihre Tränen. In der griechischen Kunst war diese Geschichte ein beliebtes Thema. Berühmt ist vor allem die Niobidengruppe, eine römische Kopie nach dem verlorenen griechischen Original, die heute in den Uffizien in Florenz aufgestellt ist.

Niobidensaal mit Blick in den Nordkuppelsaal
Niobidensaal mit Blick in den Nordkuppelsaal
© Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David Chipperfield Architects, Foto: Ute Zscharnt

Nach dieser Statuengruppe ist der Raum benannt, denn hier waren einst Gipsabgüsse der verzweifelten Niobe und ihrer sterbenden Kinder, der Niobiden, aufgestellt, umgeben von anderen Kopien bedeutender Werke der Übergangszeit von der griechischen zur römischen Kunst. Im gesamten ersten Obergeschoss, dem Piano nobile, befand sich einst die Sammlung der Gipsabgüsse. Aus heutiger Sicht mag verwundern, dass Abgüsse von Meisterwerken in der wichtigsten Etage gezeigt wurden. Doch wurde den Gipsen eine ähnliche Wertschätzung wie den Originalen zuteil, die man selbst meist nicht besaß; konnte man an ihnen doch in gleicher Weise die hohe Kunstfertigkeit der antiken Meister ablesen. Sie wurden zu Stülers Zeiten gar höher angesehen als die „primitiven“ Artefakte aus der Ägyptischen oder Ethnographischen Abteilung. Wie in den anderen Räumen des Museums sollte im Niobidensaal die Innenausstattung mit den Ausstellungsobjekten korrespondieren, sie erklären und ergänzen. Was man sonst heute nur noch erahnen kann, lässt sich hier durch den guten Erhaltungszustand exemplarisch verfolgen.

Die Wandmalereien im Niobidensaal vor der Sanierung
Die Wandmalereien im Niobidensaal vor der Sanierung,
Daedalus fertigt die Flügel von Ikarus an, Aeneas flieht mit Anchises und Ascanius aus dem brennenden Troja, Rettung des Odysseus durch den Schleier der Leukothea

Mit seinen pompejanischrot gefärbten Wänden über dem dunkelblauen Sockel wirkt der Saal würdevoll zurückhaltend. Auf seine ursprüngliche Ausstattung verweisen noch immer die 21 Wandgemälde, die den Raum unterhalb des Gewölbeansatzes umlaufen. Menschliche Größe, Verfehlungen und Tragik werden anhand von Heldengeschichten der griechischen und römischen Mythologie thematisiert, darunter sechs Szenen, die in enger Beziehung zur Figurengruppe der Niobe stehen.

Blick gegen den Nordkuppelsaal,
Blick gegen den Nordkuppelsaal,
Hypsipyle findet den von einer Schlange getöteten Opheltes/Archemoros, Cadmos tötet den Drachen, Oorpheus in der Unterwelt, Aufnahme von Oktober 2000,
GNU-Lizenz für freie Dokumentation, User: ONAR

Auch um den Menschen als kunstfertigen Schöpfer ging es in diesem Saal, darauf verweisen die Inschriften über den Portalen: „Es schuf Prometheus jede Kunst den Sterblichen“, mit dieser Zeile aus Aischylos’ Tragödie „Der gefesselte Prometheus“ ist die Nordwand geschmückt; einem göttlichen Lehrer sind jeweils die dem Fenster zugewandten Bildfelder gewidmet: dem hier an den Felsen geketteten Prometheus selbst und neben dem Südportal dem Kentauren Chiron, Erzieher griechischer Heroen. Die Inschrift am Südportal und die westlichen Bildfelder verweisen auf die götterähnlichen Schöpferkräfte des künstlerisch tätigen Menschen: „Staunliches waltet viel, und doch nichts Erstaunlichres als der Mensch“, dieses Zitat geht in Sophokles’ „Antigone“ einem Gesang voran, der die Fähigkeiten des Menschen in den höchsten Tönen lobt. Dementsprechend zeigen die Bilder im Westen der Portale zwei der größten menschlichen Künstler: Daedalus, Begründer der Bau- und Bildhauerkunst, bei der Fertigung der Flügel, die ihn und seinen Sohn Ikarus aus dem Labyrinth des Minotaurus befreien sollen, und Orpheus, den begnadeten Sänger, der mit seinem Spiel sogar den Gott der Unterwelt berührt.

Detail der Decke des Niobidensaals,
Detail der Decke des Niobidensaals,
Aufnahme von 2007
© Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David Chipperfield Architects, Foto: Jörg von Bruchhausen

Auch die anderen Räume des Neuen Museums erhielten ganz auf die Objekte abgestimmte Bildprogramme, Stadtansichten Roms etwa im Römischen Saal oder die germanischen Gottheiten im Vaterländischen Saal, der die prähistorischen Altertümer bewahrte. Daneben bereichern architektonische Motive die thematische Ausstattung. Auf den ersten Blick beeindrucken im Niobidensaal die Portale, bei denen jeweils zwei Karyatiden den Durchgang rahmen. Sie gehen auf römische Originale in der Villa Albani und den Vatikanischen Museen zurück und tragen ein reich verziertes Gesims mit antikisierenden, friesartigen Schmuckelementen: Perlstab, laufendem Hund, Eierstab. Wer sich genau umblickt, wird noch mehr dieser Anspielungen auf die Antike entdecken: Die Farbe der Wände ist pompejanischrot. Die Bogen-Sehnen-Träger, die das Tonnengewölbe stützen, sind in der Mitte abwechselnd mit der Venus und dem geflügelten Genius des Wissens geschmückt. Die Konsolen der Träger, die nur noch Zierde sind und keine statische Funktion mehr erfüllen, werden von Pilastern gestützt. Rings um den Raum verläuft ein antikisierender Fries unter der Decke, der Fußboden ist aufwändig mit einem Mosaik geschmückt, das auch Weinlaub zeigt.  
Durch den guten Erhaltungszustand wird hier besonders deutlich, wie der Kontext, der den ausgestellten Werken verlorengegangen war, hier durch die interpretierende Gestaltung der Räume wieder hergestellt wird.

Doch wird auch Stülers innovative Baukunst deutlich. Die Decke ist wie in anderen Räumen aus Tontöpfen gemauert, eine sehr leichte und innovative Bauweise, auf die mit der wunderbaren blütenähnlichen Bemalung hingewiesen wird. Fast revolutionär ist die Verwendung der Bogen-Sehnen-Träger, die es möglich machen, den großen Saal ganz stützenfrei zu lassen und so in seiner ganzen Pracht unverstellt wirken zu lassen.

Neues Museum, Grundriss Ebene 2, Gelb markiert ist der Niobidensaal
Neues Museum, Grundriss Ebene 2, Gelb markiert ist der Niobidensaal
© David Chipperfield Architects

Dezent bleiben die Ausstellungsstücke hier im Hintergrund – die Tische mit der Bibliothek der Antike, das Modell des Schievelbein-Frieses und die Köpfe der Dichter und Philosophen. So bleibt genug Raum, das Auge einmal schweifen zu lassen und auch das Museum als Ausstellungsstück zu entdecken.

Nadja Mahler

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