Der "Xantener Knabe" im Bacchussaal
Einladung zum Fest

Als die Flügel der mächtigen Tür zum Treppenhaus noch offen standen, eilte er dem Besucher schon aus dem Bacchussaal entgegen: der schöne Jüngling mit dem Kranz aus Früchten und Blumen im gelockten Haar. Zuvorkommend, aber nicht unterwürfig begrüßte er die Neuankömmlinge.

Bronzestatue des Xantener Knaben, Rhein bei Xanten/Lüttingen, 2. bis 1. Jh. v. Chr.
Bronzestatue des Xantener Knaben, Rhein bei Xanten/Lüttingen, 2. bis 1. Jh. v. Chr.
© Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung, Foto: Johannes Laurentius

Anders als die übrigen Skulpturen des Neuen Museums steht die Statue nicht auf einem Sockel, sondern auf einer schmalen, runden Bronzeplatte, auf gleichem Niveau wie die Besucher. Die Tür, eine Kopie des Nordportals des Athener Erechtheions, ist leider inzwischen verschlossen, sodass man sich dem Halbwüchsigen – seine Körperformen sind noch kindlich – nur von der Seite nähern kann. Seine natürliche Anmut, die reizende jugendliche Unbefangenheit aber erlebt man nur, wenn man ihm gegenübersteht und er schnellen Schritts mit ausgebreiteten Armen auf den Besucher zukommt. In den Händen hielt er ursprünglich ein großes ovales oder rechteckiges Tablett, auf dem er den Gästen eines Festmahls Speisen und Getränke servierte. Ein stummer Diener also war dieser hübsche Knabe, ein Möbelstück der besonderen Art, das einst ein reich ausgestattetes Triclinium geziert haben muss – jenen Saal der antiken Villa, in dem der Hausherr seine (ausschließlich männlichen) Gäste festlich bewirtete und mit Tänzerinnen, Musik, Würfelspiel und geistreichen Gesprächen auf das Angenehmste unterhielt.

Bemalte Pilaster im Bachussaal
Bemalte Pilaster im Bachussaal
© Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David Chipperfield Architects, Foto: Ute Zscharnt

Wein, der mit Wasser vermischt getrunken wurde, spielte bei diesen Gelagen eine Hauptrolle. Daher passt der jugendliche Mundschenk ausgezeichnet in diesen relativ kleinen Raum zwischen Niobidensaal und Römischem Saal, der einst wie eine Weinlaube ausgemalt war. Von den Spalieren, Weinranken und Trauben auf hellblauem Grund, die die tonnengewölbte Decke und die obere Zone der Westwand überzogen, sieht man heute so gut wie nichts mehr. Geblieben sind das schöne Bodenmosaik in kühlen Farbtönen und die Malereien an den Fensterpfeilern. Zwischen Glockenblumen, Ranken und Blütenkandelabern musizieren und tanzen Figuren, auf Medaillons erscheinen vornehme Patrizierinnen, übermütige Amoretten, Fabelwesen und Tiere des Waldes. In den unteren, längsrechteckigen Bildfeldern wird das Leben des Wein- und Fruchtbarkeitsgottes Bacchus erzählt, der dem Saal seinen Namen gab. Natürlich ist Bacchus’ Begleiter und Lehrer Silenos unter den Dargestellten, erkennbar am dicken Bauch und dem kahlen Schädel, ferner der bocksbeinige Hirten- und Fruchtbarkeitsgott Pan und auch der trunkene Herkules.

Vorbilder dieser Malereien waren die Wandbilder, die seit Ende des 18. Jahrhunderts bei Ausgrabungen in pompejanischen Villen gefunden worden waren. Entsprechend wurden hier zu Stülers Zeiten in zwei Schränken rechts und links des Durchgangs zum Treppenhaus Funde aus Pompeji gezeigt, Gefäße und Kleinbronzen. Ein privater Raum von heiterem Charakter wurde hier nachgebildet, ein Beispiel für die bewunderte Wohnkultur Pompejis, die im klassizistischen Kunstgewerbe der Zeit ihr Echo fand.

Neues Museum, Grundriss Ebene 2, Gelb markiert ist der Bacchussaal
Neues Museum, Grundriss Ebene 2, Gelb markiert ist der Bacchussaal
© David Chipperfield Architects

Im ursprünglichen Rundgang durch das Hauptgeschoss markierte der Bacchussaal den Übergang von der griechischen zur römischen Antike. Heute bildet er das Entree speziell zu den römischen Provinzen. Wie die Gefäße ausgesehen haben könnten, die der schöne Knabe einst balancierte, kann man im anschließenden Raum, dem Römischen Saal, studieren, in dem der Alltag in diesen Provinzen geschildert wird. Die Bronzestatue selbst stammt aus einer der bedeutendsten römischen Städte in Niedergermanien, dem heutigen Xanten. Fischer entdeckten sie 1858 ganz in der Nähe, bei Lüttingen, im Kiesbett des Rheins. Da kein Sauerstoff an die Statue gelangt war, war sie unter der Schlammschicht wunderbar erhalten. Die Fischer zeigten sie in ihrem Dorf eine Weile gegen Geld, bis preußische Beamte das antike Meisterwerk für die Königlichen Museen sicherstellten. Die Berliner Restauratoren hofften, im Inneren der hohlen Statue, die sich mit Kies gefüllt hatte, die verlorenen Augen zu finden. Stattdessen kam ein Meißel zutage, den die antiken Bildhauer wohl dort vergessen hatten.

Kopf der Bronzestatue des Xantener Knaben. Im Haarkranz sind Eicheln, Ähren, Trauben, Pinienzapfen und Granatäpfel zu erkennen.
Kopf der Bronzestatue des Xantener Knaben. Im Haarkranz sind Eicheln, Ähren, Trauben, Pinienzapfen und Granatäpfel zu erkennen.
© Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung, Foto: Johannes Laurentius

Noch heute ist der nach seinem Fundort benannte „Xantener Knabe“ die besterhaltene Großbronze im Bestand der Antikensammlung. Für die Aufstellung im Neuen Museum wurde das Werk gereinigt, sodass die Qualität des Gusses besser denn je zur Wirkung kommt. Der Mund ist nun leicht geöffnet und verstärkt zusammen mit der Kopfwendung den Eindruck des Momentanen wie auch die sinnliche Ausstrahlung. Untersuchungen des Gusses ergaben, dass die Statue nicht römisch ist, wie man bisher annahm, sondern bereits um 150 vor Christus entstanden sein muss.

Das Legionärslager Vetera I auf dem Xantener Fürstenberg war einige Jahre vor Christus errichtet worden, um die Nordwestgrenze der germanischen Provinzen zu sichern. Nachdem das Lager beim Bataveraufstand 69 nach Christus zerstört worden war, errichteten die Römer ein zweites Lager. Die zugehörige Stadt Colonia Ulpia Traiana, benannt nach dem römischen Kaiser Trajan, erhielt ein Forum, Tempel, Thermen und ein Amphitheater, von denen man heute noch Reste besichtigen kann. Die Einwohner – Römer, Gallier und Germanen – hatten das römische Bürgerrecht. Auf ihren Lebensstil wollten die römischen Legionäre und Zivilisten auch fern der Heimat nicht verzichten. Getreide, Olivenöl und Wein wurden aus Italien, Spanien und Frankreich auf Lastkähnen in die Stadt gebracht, ebenso wie Möbel, kostbares Glas und Bronzegefäße. Auf diesem Weg muss auch der Knabe in die römische Kolonie gekommen sein, vermutlich war er für die Villa eines Offiziers bestimmt. Ob er die Stadt nie erreichte, weil das Schiff unterging, oder ob er von den aufständischen Batavern als Beutegut mitgenommen wurde und beim überstürzten Abtransport über Bord ging, weiß man nicht. Vielleicht hat er also am Niederrhein niemals Dienst getan. Dafür erfreut er heute jeden Tag Hunderte von Besuchern im Neuen Museum.

Annette Meier

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