Die Silbergefäße aus dem Schatz des Priamos
Ein Krug mit kostbarem Inhalt

Die neue Attraktion des Museums für Vor- und Frühgeschichte sind drei Krüge: leicht unregelmäßig geformte Gefäße, unten bauchig, zur Öffnung sich erweiternd, zwei gleichartige kleinere und ein etwas größeres mit einem markanten Henkel. Von dicken, grauen Krusten überzogen sind diese Becher, die einstmals silbern glänzten.

SMB, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Foto: Claudia Plamp
Silbergefäße aus den Schatzfunden von Troja um 2500 v. Chr., bei dem Schälchen im Vordergrund wurde in den 1970er Jahren die Korrosionsschicht entfernt

Risse überziehen die schrundige Oberfläche, beim größeren Gefäß ist die Lippe eingerissen. Nur ihre Präsentation lässt erahnen, dass es sich um etwas Außergewöhnliches handelt: Die Vitrine bildet den Mittelpunkt des Flachkuppelsaals im Neuen Museum, der Troja gewidmet ist. Der mattsilberne Hintergrund, vor dem die Krüge stehen, gibt ihnen einen Hauch jenes Glanzes zurück, der sie einst umgab. Als Heinrich Schliemann diese Gefäße 1873 an der türkischen Westküste tief unter dem Hügel bei Hisarlik entdeckte, glaubte er sich am Ziel. Endlich hatte er das von Homer beschriebene Troja gefunden, den Schauplatz des Trojanischen Krieges. Dieses Silber, die goldenen Becher und die Prunkäxte, die da zutage kamen, konnten nur dem legendären König Priamos gehört haben. Eine weitere Überraschung barg das Henkelgefäß, das schon damals einen der beiden Henkel verloren hatte. In seinem bauchigen Körper lag der prachtvollste goldene Schmuck: zartgliedrige Ketten, Diademe, Ohrgehänge und Armbänder. Schliemann irrte, wie man schon wenig später herausfand. Es konnte nicht der Schmuck der schönen Helena sein, den er dort, in der zweitältesten Siedlungsschicht des Hügels, geborgen hatte, war diese Schicht doch mehr als tausend Jahre älter als das Troja Homers – von dem man bis heute nicht weiß, ob es überhaupt existierte. Das änderte jedoch nichts an dem spektakulären Fund. Schliemann brachte seinen Schatz illegal außer Landes und musste nachträglich eine Entschädigung an das Osmanische Reich zahlen, durch die der Fund in seinen Besitz überging.

Der Schatz des Priamos in Schliemanns Athener Haus. Im mittleren Regal ganz rechts steht der Henkelkrug, der nun wieder in Berlin ist.
Der Schatz des Priamos in Schliemanns Athener Haus,
Henkelkrug im mittleren Regal ganz rechts ist nun wieder in Berlin,
Abb. aus: Heinrich Schliemanns „Atlas trojanischer Alterthümer“, Leipzig 1874.

Er bot ihn zunächst unter anderem Paris und St. Petersburg an und schenkte ihn 1881 schließlich dem Deutschen Reich, zusammen mit allen übrigen Grabungsfunden aus den insgesamt neun Siedlungsschichten Trojas. Das Troja-Gold wurde zur Attraktion der Vorgeschichtlichen Abteilung des Königlichen Museums für Völkerkunde. Im Martin-Gropius-Bau nahmen die Schliemann-Funde drei Säle ein. Noch heute ist die Berliner Troja-Sammlung beeindruckend, doch fehlen die Glanzstücke: der Schmuck und das übrige Gold aus dem Schatz des Priamos, wie er immer noch genannt wird. Im Neuen Museum sind nur Repliken zu sehen. Die Originale befinden sich im Moskauer Puschkin-Museum – sowjetische Truppen nahmen das Gold, das den Krieg im Flakbunker Zoo überstanden hatte, 1945 als Kriegsbeute mit. Auch das Silber aus dem Priamos-Schatz, das zusammen mit den übrigen Sammlungsgegenständen in Bergwerke ausgelagert worden war, gelangte zum großen Teil in die Sowjetunion. Als 1977 im Zuge einer Rückführung Berliner Bestände aus der Sowjetunion eine ganze LKW-Ladung in der DDR eintraf, wurden die Kisten nicht ausgepackt, glaubte man doch, sie enthielten ausschließlich Objekte des Berliner Völkerkundemuseums, das nun im Westen lag. Für viele Jahre verschwanden sie im Depot des Leipziger Grassi-Museums, bis man sie nach der Wende nach Berlin brachte und öffnete. Zur Überraschung fand man zwischen Inventarbüchern und Objekten aus der Afrika-Sammlung auch die Silbergefäße aus Troja. Vielleicht ist es ihrer Unscheinbarkeit zu verdanken, dass sie nicht in St. Petersburg zurückgehalten wurden.

Neues Museum, Grundriss Ebene 1, Gelb markiert ist der Flachkuppelsaal mit der Abteilung „Troja“
Neues Museum, Grundriss Ebene 1,
Gelb markiert ist der Flachkuppelsaal mit der Abteilung „Troja“
© David Chipperfield Architects

In den vergangenen Jahren wurden die Gefäße gründlich untersucht. In dem Henkelkrug konnte man unter dem Mikroskop winzige Partikel eines Textils ausmachen, in dem der Schmuck vermutlich eingewickelt war. Das Silber stammt, wie die Analyse ergab, höchstwahrscheinlich von der griechischen Insel Thasos, nicht weit von Troja. Das Gefäß wurde in Treibarbeit hergestellt, und auch die antiken Reparaturen lassen auf eine hoch entwickelte Silberschmiedekunst schließen. Ganz erstaunlich dünnwandig ist dieses über 4000 Jahre alte Silber. Das Museum für Vor- und Frühgeschichte hat durch glückliche Zufälle einen Teil seines Priamos-Schatzes zurück. In Stülers Flachkuppelsaal mit den zart bemalten Gewölben finden die heimgekehrten Kostbarkeiten einen unvergleichlich schönen Rahmen.

Annette Meier

Weitere Artikel

Nach oben