Die Standfigur des ägyptischen Königs Amenemhet III.
Audienz bei einem König

Lässt man im Vestibül des Neuen Museums seinen Blick schweifen, so wird er fast unwiderstehlich von einer monumentalen Skulptur am Ende der Raumflucht angezogen. Folgt man dieser Verlockung, tritt man nach einer Einführung in die Forschungsgeschichte der Ägyptologie sogleich vor den Herrscher.

Figur des Königs Amenemhet III. im Neuen Museum
Neues Museum, Figur des Königs Amenemhet III.,
Blick aus dem Raum „Prolog“ in den Raum „Pharao“
© Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Achim Kleuker

Es ist die Figur des Königs Amenemhet III., der Ägypten von etwa 1842 bis um 1795 v. Chr. regierte. „Pharao“ ist der Raum überschrieben, mit jenem Wort also, das sich für die Bezeichnung der ägyptischen Könige durchgesetzt hat, obwohl es von ihnen selbst erst sehr spät in der langen Geschichte des Reiches verwendet wird. Über drei Jahrtausende bestand die Hochkultur am Nil. Ende des vierten Jahrtausends v. Chr. hatten sich in Oberägypten, dem Land südlich des heutigen Kairos, und Unterägypten, dem Nildelta, erste Königreiche gebildet. Um 3000 v. Chr. wurden sie das erste Mal zu einem Herrschaftsgebiet verbunden und bestanden vereint – kürzere Zwischenzeiten ausgenommen – bis in die griechisch-römische Zeit um 400 n. Chr. Zeichen ihrer Würde war, wie auch bei den Königen in späterer Zeit, die Krone. Dabei war die keulenförmige sogenannte weiße Krone das Hoheitszeichen Oberägyptens, zylinderförmig war die rote Krone Unterägyptens. In einen Kopfschmuck zusammengeführt, symbolisierte sie die Macht ihres Trägers, über ganz Ägypten zu herrschen. Die Figur Amenemhets III. trägt allerdings keine dieser Varianten, sondern das schlichtere Königskopftuch.

Beterfigur des Königs Amenemhet III.
Beterfigur des Königs Amenemhet III. um 1840-1800 v. Chr., Granit
© Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jürgen Liepe

In den Jahrtausenden der Pharaonenherrschaft hat es sich kaum verändert: Das gestreifte Tuch fällt vorne locker über die Schultern und ist im Nacken wie ein Zopf zusammengefasst. An der Stirn bäumte sich eine Schlange auf – für Götter wie für Pharaonen gleichermaßen Symbol des Schutzes, der Unverletzlichkeit. Diesem steinernen König ist sie verloren gegangen. Auf andere gebräuchliche Zeichen der Königswürde wie den am Kinn getragenen Zeremonialbart oder Krummstab und Wedel wurde verzichtet, nur der Schurz ist in dieser Form allein dem König vorbehalten. Seine beeindruckende Wirkung beeinträchtigt dies kaum. Er hat sich als Betender, als Priester darstellen lassen, sein steinernes Abbild war in einem Tempel aufgestellt. In seiner Stellung als Pharao war Amenemhet III. in der Vorstellung der Ägypter Sohn des Sonnengottes. Nach seinem Tod erhielt auch er göttlichen Status. Zu seinen Lebzeiten aber war der König für den Götterkult verantwortlich. Sein Standbild übernimmt die Aufgabe des Priesters und ist für alle sichtbar Vermittler zu den Göttern.

Neues Museum, Grundriss Ebene 1.
Neues Museum, Grundriss Ebene 1, Gelb markiert ist der Gräbersaal mit dem Ausstellungsteil "Pharao"
© David Chipperfield Architects

Die ägyptische Kunst zeichnet sich durch eine starke Formalisierung aus, über die Jahrtausende ändern sich ihre Formen nur wenig. Die Darstellung menschlicher Figuren folgt strengen Regeln, etwa nehmen Männer im Stehen stets eine Schrittstellung ein. Die formale Wiedergabe Amenemhets III. ließ seine Standfigur über 600 Jahre später für König Merenptah interessant werden. Dieser fand hier den immer noch gültigen Ausdruck eines betenden Pharao, also ließ er den Rückenpfeiler der Figur mit seinem Namen beschriften. Auch das Gesicht ist überarbeitet worden, erkennbar an der im Vergleich zum Körper gröberen Oberfläche. Es wurde mit Stuck geglättet und wohl auch bemalt. Nur auf der Gürtelschließe hat sich der Thronname des ursprünglichen Auftraggebers erhalten. So erzählt die Figur des betenden Pharao eine Geschichte über die Beständigkeit und Dauer ägyptischer Kunst und Götterverehrung.

Nadja Mahler

Weitere Artikel

Nach oben