Die Tempelreliefs von Meroë
Götter aus dem Wüstensand

Kein anderes Museum führt durch so weite zeitliche und geografische Räume wie das wiedereröffnete Neue Museum: Von den Anfängen der Menschheit bis zum Hochmittelalter, von der iberischen Halbinsel bis zum Iran spannt sich der Bogen.

Reliefwand des meroitischen Tempels aus Naga
Reliefwand des meroitischen Tempels aus Naga
mit der Darstellung der geflügelten Göttin Isis, 1. Jh. Leihgabe der Republik Sudan
© Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Foto: W. Burkhard

Das südlichste hier vertretene Land ist der Sudan. Bis dort reichte einst der Einfluss der ägyptischen wie auch der hellenistischen Kultur. Das Königreich Meroë war vom 7. Jahrhundert vor Christus bis 350 nach Christus der mächtige südliche Nachbar des ptolemäischen und römischen Ägypten. Von seiner eindrucksvollen Kunst kann man sich nun in den Gewölben westlich des Griechischen Hofes ein Bild machen. Den bezaubernden Goldschatz der Königin Amanishakheto, der eine kleine Kammer für sich hat, brachte schon Richard Lepsius 1844 von seiner Expedition nach Naga mit, das seit dem späten 3. Jahrhundert vor Christus eines der Zentren des Reiches von Meroë war. Auch heute noch ist Naga eine der interessantesten antiken Ausgrabungsstätten.

Kopffragment einer überlebensgroßen Königsfigur.
Kopffragment einer überlebensgroßen Königsfigur, der ausgegrabene Amun-Tempel im Hintergrund
© Naga Projekt

Seine Häuser, Tempel und Paläste sind zum großen Teil unberührt, nur eingestürzt und unter Sand und Schutt begraben. 1995 begann ein Archäologenteam des Berliner Ägyptischen Museums diese Ruinenstätte nordöstlich der sudanesischen Hauptstadt Karthum zu untersuchen. Es trug die oberste Sand- und Geröllschicht des Geländes ab, so dass die Grundrissstrukturen der einstigen Stadt erkennbar wurden, und baute unter anderem das größte Heiligtum wieder auf, den Amun-Tempel mit seiner imposanten Zugangsallee aus Widderstatuen. Die 74 Blöcke aus rötlichem Sandstein wurden im Dezember 2008 nach Berlin gebracht.

Reliefblöcke am Tropf.
Reliefblöcke am Tropf,
Chemische Festigung des Sandsteins in den Berliner Restaurierungswerkstätten am Oberbaum
© Restaurierung am Oberbaum

Als erstes kamen die porösen Steine für sechs bis acht Wochen an den Tropf: Infusionen sollten dafür sorgen, dass die Körner des Sandsteins besser aneinander schließen. Dann wurde ein Stahlregal gebaut, in das die schweren Blöcke wie bei einem Puzzle eingefügt wurden. Die fehlenden Teile wurden durch glatte Sandsteinquader ersetzt, die Lücken dazwischen mit Mörtel gefüllt. Der fragmentarische Zustand macht die Szenen nur um so spannender. Was sind das für riesige Gestalten, die da feierlich einherschreiten, und was für Handlungen vollziehen sie? Eine Gestalt mit menschlichem Körper kommt von rechts, aber wer den zugehörigen Kopf sucht, findet das runde Kinn und die stumpfe Nase eines Löwen. Es ist der nubische Kriegs- und Fruchtbarkeitsgott Apedemak, der das Anch-Zeichen, Symbol des Lebens, in seiner Rechten hält. Und das Händepaar im mittleren Relief rechts unten gehört gar nicht zu seiner Begleiterin, der Göttin Amesemi in dem bodenlangen Gewand. Es sind die abgehackten Hände von Gefangenen, die sie als Trophäe mit sich führt. Links von ihr ist ein männlicher Gott in typischer Schreitstellung ägyptischer Skulpturen dargestellt. Vermutlich bewegten sich die Götter auf den sitzenden Gott Amun zu, der hier fehlt. Von links nähert sich die ägyptische Göttin Isis, erkennbar an der Krone aus Sonnenscheibe und Feder und den Flügeln an ihren Armen, mit denen sie den Toten, deren Beschützerin sie ist, Lebensluft zufächelt. Ganz und gar unägyptisch aber sind das lebhafte Ornament ihrer Kleidung, ihre kräftigen Arme, der kleine Kopf, die afrikanischen Gesichtszüge und auch der große, gelochte Ring, der an ihrem Ohr baumelt. Die Isis der Nubier entspricht ganz den Schönheitsvorstellungen dieses Volks.

Neues Museum, Grundriss Ebene 0.
Neues Museum, Grundriss Ebene 0,
Gelb markiert sind die Gewölbe westlich des Griechischen Hofes mit dem Ausstellungsteil "Antiker Sudan", in dem sich die Reliefs befinden
© David Chipperfield Architects

Lange Zeit fand die Kultur des antiken Sudan wenig Beachtung. Die Reliefs im Neuen Museum sind der beste Beweis, dass hier eine eigenständige, hochstehende Kunst entstand. Dass diese Kunst eine Brücke schlägt zwischen dem alten Ägypten und dem Mittelmeerraum einerseits und Afrika andererseits, macht sie für die Forschung noch interessanter.

Annette Meier

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