Schievelbeins Fries "Die Zerstörung Pompejis"
Eine Katastrophe mit glücklichem Ausgang

Im Griechischen Hof des Neuen Museums sind die Spuren der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg unübersehbar. Es ist ein strenger, sehr hoher, aber durch das einfallende Tageslicht heller Raum. David Chipperfield hat die Apsis an der südlichen Wand in modern-kühler Form wieder hergestellt, die 1919, als der Raum für die Amarna-Sammlung umgebaut wurde, abgebrochen worden war.

Neues Museum, Griechischer Hof vor der Einrichtung
Neues Museum, Griechischer Hof vor der Einrichtung
© Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David Chipperfield Architects, Foto: Jörg von Bruchhausen

Er hat die Ziegel ringsum gereinigt und größere Löcher geschlossen, aber die Wunden belassen. So schaut der Besucher an kargen Ziegelwänden mit vermauerten Fenstern, Putzresten und Löchern von Granatsplittern hoch. Umso eindrucksvoller wirkt der einzige Schmuck, der plastische Fries, der hoch oben drei der vier Wände überspannt: Hermann Schievelbeins dramatische Vergegenwärtigung des Untergangs von Pompeji. Der Stuckfries ist so restauriert worden, wie es dem Vorgehen im gesamten Haus entspricht: Die Fehlstellen wurden ergänzt und eine einheitliche cremeweiße Fassung angebracht, aber verlorene Figuren oder Figurenteile wurden nicht rekonstruiert. So fehlt in der Ostwand ein etwa fünf Meter langes Stück.

Der Griechische Hof besaß ursprünglich kein Dach, so dass es nahe lag, statt der Ausmalungen wie in den anderen Räumen plastischen Bildschmuck anzubringen. Der Auftrag, den der Berliner Bildhauer Hermann Schievelbein 1845 erhielt und bis 1851 ausführte, war einer der größten und anspruchsvollsten, die je in Berlin vergeben wurden. Friedrich August Stüler, der Architekt des Museums, und Ignaz von Olfers, Generaldirektor der Königlichen Museen, hatten das Thema vorgegeben: die Zerstörung Pompejis durch den Vesuvausbruch im Jahre 79 nach Christus. Der tragische Untergang der blühenden Stadt beschäftigte die gebildete Öffentlichkeit, seit Pompeji und Herculaneum im späten 18. Jahrhundert wiederentdeckt worden waren, und inspirierte Maler und Literaten. In ihren Gemälden und Romanen fand Schievelbein viele Anregungen für seinen Fries. Doch nutzte der Bildhauer, der in der Tradition von Johann Gottfried Schadow und Christian Daniel Rauch steht, auch virtuos die ihm eigenen Mittel wie die Körpersprache, um die Geschichte lebendig und klar zu schildern.

Schievelbeinfries, Westwand, nördlicher Abschnitt: Der Vesuv bricht aus.
Schievelbeinfries,
Westwand, nördlicher Abschnitt: Der Vesuv bricht aus
© Foto: Tomasz Tarczynski

Die Erzählung entfaltet sich in zwei symmetrischen Strängen von der schmaleren Nordwand aus. In deren Mitte befiehlt Pluto, der Herrscher der Unterwelt, die Zerstörung der Stadt. Unter ihm grollt der Vesuv, mit monströsem Kopf dargestellt, aus seinem Schlund quillt Lava. Giganten schleudern riesige Steinbrocken auf die Stadt und gießen heiße Lavaströme aus ihren Krügen, die Winde blasen aus vollen Backen. Erschrocken fahren der Sonnengott Helios und die Mondgöttin Luna auf ihren Gespannen herab, der Himmel verfinstert sich. Der Sturm, der von hier aus losbricht, erschüttert die Stadt – dargestellt an beiden Längsseiten – und reißt alles mit sich fort. Säulen stürzen, die Tiere werden wild, Menschen rennen um ihr Leben, stürzen, mühen sich, Verletzte fortzuschleppen, ihr Hab und Gut zu retten. Dramatisch flattern ihre Gewänder, mit erhobenen Armen versuchen sie, sich vor fallenden Architekturteilen zu schützen, flehen um Hilfe. Die Katastrophe trifft Reich und Arm, Jung und Alt gleichermaßen. Inmitten dieses Chaos’, dieses Stroms von Flüchtenden, Fallenden, Verzweifelten fokussiert der Bildhauer zwei Szenen, die deutlich machen, wie plötzlich und wie grausam das Ereignis in den Alltag der Pompejaner einbrach. Ein Paar sollte gerade getraut werden, als der Vesuv ausbrach und den Tempel zerstörte, Priester und Bräutigam liegen erschlagen am Boden (in der Mitte der Ostwand). An anderer Stelle fanden gerade Zirkusspiele statt: In Panik drängen die Zuschauer und die nackten Gladiatoren durch das Tor der Arena ins Freie, ein Löwe springt in großem Satz über die Menschen hinweg (in der Mitte der Westwand).

Schievelbeinfries, Westwand, südlicher Abschnitt: Die Flüchtlinge erreichen die Nachbarstädte und werden von Stüler und Olfers begrüßt.
Schievelbeinfries,
Westwand, südlicher Abschnitt: Die Flüchtlinge erreichen die Nachbarstädte und werden von Stüler und Olfers begrüßt
© Foto: Tomasz Tarczynski

Zur Südwand hin beruhigt sich das Geschehen wieder. Auf der Ostseite erreicht ein Zug von Christen das rettende Meer in Gestalt von Neptun, an der Westwand wird ein Treck von Menschen, die sich rechtzeitig aus der Stadt retten konnten, von den Bewohnern der Nachbarstädte mitfühlend in Empfang genommen. Flora mit dem Füllhorn verheißt ihnen einen Neubeginn. Die zwei Gastgeber, die ihnen entgegenkommen, tragen die Züge von Stüler und Olfers. Sie nehmen symbolisch die Dinge in ihre Obhut, die ihnen die Menschen aus dem zerstörten Pompeji bringen – Sinnbild für das Museum als Ort, an dem die untergegangene Kultur bewahrt wird.

Was für die Pompejaner ein schreckliches Schicksal war, ist für die Menschheit ein Glück: Der Zerstörung Pompejis verdankt sie die Erhaltung seiner wunderbaren Kunstschätze. Die Sicht der Geschichte als Prozess, in dem selbst die Katastrophe ihren Sinn findet, ist charakteristisch für das 19. Jahrhundert. In der untergehenden heidnischen Antike erblickt es bereits die Anfänge eines neuen Zeitalters, des Christentums – vergegenwärtigt im Zug der auf Gott vertrauenden Christen an der Ostwand. Die Vorstellung einer Entwicklung der menschlichen Kultur zum Höheren, wie sie der Museumsbesucher damals auch im Aufstieg von den ältesten Kunstformen im Erdgeschoss über die klassische Antike im Hauptgeschoss bis zur Kunst der Gegenwart ganz oben nacherleben konnte, ist uns heute fremd. Doch scheint der Gedanke einer Dialektik von Zerstörung und Rettung im Hof des wiederaufgebauten Neuen Museums gar nicht so fern. Wäre dieses Gebäude nicht so schwer zerstört gewesen, dass man es lange seinem Schicksal überließ, hätte man es längst dem Zeitgeschmack entsprechend umgestaltet. So aber wandeln wir in Sälen der 1850er Jahre, tauchen ein in eine vergangene Zeit, wie es an keinem anderen Ort mehr möglich ist.

Annette Meier

Neues Museum, Grundriss Ebene 0, Gelb markiert ist der Griechische Hof.
Neues Museum, Grundriss Ebene 0,
Gelb markiert ist der Griechische Hof
© David Chipperfield Architects

Man kann den Fries nicht nur vom Hof aus, sondern besser noch von den Fenstern der umliegenden Ausstellungsräume aus betrachten. Das von Schievelbein angefertigte Gipsmodell hängt an der Wand des Niobidensaals im Hauptgeschoss. In den Panoramafotografien, die auf der Website zum Neuen Museum zu finden sind, lässt sich der Fries ganz nah heranzoomen und gleichsam abschreiten.

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