Sorgenfrei in Sanssouci

Schloss und Park Sanssouci © SPSG. Foto: Hans Bach

Sans Souci, ohne Sorge. Wer möchte nicht in einem Schlösschen wohnen, das einen solchen Namen trägt und dadurch automatisch den Gemütszustand der Sorglosigkeit erlangen. Das Ganze nicht zu groß, gerade mal zwölf Zimmer, darunter ein ovaler, für kleinere Festivitäten geeigneter, in Marmor gekleideter Saal, fünf Gästeappartements sowie fünf Zimmer für eigene Bedürfnisse: Empfangszimmer, Musikzimmer, Arbeitszimmer, Alkoven und eine kreisrunde Bibliothek mit über 2000 Bänden. Dazu eine kleine Galerie, ausstaffiert mit moderner französischer Kunst und antiken Statuen, die den Vorsaal direkt mit dem eigenen Arbeitszimmer und der Bibliothek verbindet, sodass man ungesehen an allen eventuell Wartenden vorbei ins Arbeits- und Schlafzimmer, vor allem aber in die Bibliothek gelangen kann. Und das alles als krönender Abschluss eines Weinbergs.

Bibliothek © SPSG

Friedrich II. verbringt die Sommermonate in Schloss Sanssouci und verwirklicht damit seine Vorstellung von Leben, die der seines Vaters und vor allem dem Hofzeremoniell anderer absolutistischer Herrscher in Europa diametral entgegensteht. Er lässt Sanssouci nach seinen eigenen Ideen in ländlicher Abgeschiedenheit auf einem Baugrund errichten, der als „wüster Berg“ bezeichnet wurde. Dazu hatten ihn erst Baumaßnahmen seines Vaters gemacht: Kurfürst Friedrich Wilhelm I. benötigte 1729 Baumaterial für die Erweiterung der Garnisonsstadt Potsdam und ließ die Eichen auf dem „Damchen Eichholtz“ abholzen, einem Hügel unweit seines Küchengartens Marly. Das Gelände versandete und wurde zum wüsten Berg. Friedrich formt ab 1744 daraus einen Weinberg, lässt sechs Terrassen in den Hang graben und mit geschwungenen Talutmauern versehen. Davor werden die Weinstöcke gepflanzt, in deren verglasten Nischen wachsen Pomeranzen (Bitterorangen). Im Zentrum verbinden sechs Absätze einer Freitreppe mit 132 Stufen (vormals 120) das unten angelegte Parterre mit der oben gelegenen „maison de plaisance“, dem Lustschloss.



Sanssouci-Terrassen © SPSG. Foto: Leo Seidel

Friedrichs Architekt Georg Wenzeslaus Knobelsdorff (1699–1753), der schon den Um- und Ausbau der Residenz des Kronprinzen Friedrich in Rheinsberg (1737–39) durchgeführt hatte und seit 1740 das Amt des Oberintendenten der preußischen Schlösser und Gärten bekleidet, rät seinem König, den Bau an die Kante der obersten Terrasse zu legen, ihn zu unterkellern und anhand des so entstehenden Sockels zu erhöhen. Damit wäre das Schloss auch vom Fuß der Weinbergsterrassen aus in Gänze zu sehen und wüchse nicht plump aus dem Boden. Doch Friedrich ist nicht nur Bauherr, sondern begreift sich auch als Baumeister und setzt seine Idee durch: Er möchte, wie es sich für ein Lustschloss gehört, die unmittelbare Verbindung von Innen und Außen, will durch Fenstertüren in den Garten treten können und beharrt auf einem weiten Vorplatz vor der Gartenfassade. Daneben bestimmt er in einer Entwurfsskizze auch den Grundriss, den Knobelsdorff ein wenig längt, aber grundsätzlich beibehält.


Schloss Sanssouci, Mittelrisalit der Gartenseite. © SPSG. Foto: Roland Handrick

Der eingeschossige, fünfzehnachsige Bau wird auf der Gartenseite von zwei Rundpavillons begrenzt und im Zentrum von einer ovalen Kuppel überhöht. Sie markiert den darunter liegenden Marmorsaal, dessen drei Achsen aus der Fassade herausschwingen. Je ein Kariatydenpaar des Bildhauers Friedrich Christian Glume (1717–52), bestehend aus einer Bacchantin und einem Bacchanten, begleitet die hohen Fenster und trägt das Gebälk. Die Bewegtheit dieses Figurenschmucks trägt mit dem Weinrankendekorum zum heiteren Charakter der Gartenseite des Lusthauses bei.
Die Hofseite ist strenger gestaltet. Als eigentliche Eingangsseite bietet sie einen würdigen Empfang, die Kariatydenpaare sind durch korinthische Doppelpilaster ersetzt und im Mittelrisalit durch doppelte Halbsäulen. An beiden Enden schließen rechtwinklig kurze Flügelbauten an, an deren nördlicher Stirnseite eine Kolonnade fließt. Sie begrenzt in zwei Viertelbögen den Schlossbereich und bildet einen kleinen Ehrenhof.
Um zu zeigen, wie kommod sich Friedrich in seinem Lustschloss eingerichtet hat und wie genau es auf seine Bedürfnisse zugeschnitten war, lohnt ein kurzer Blick auf den in sommerlichen Friedenszeiten immergleichen Tagesablauf des Monarchen. Der begann, so wird berichtet, recht früh: Zwischen drei und sechs Uhr ließ er sich wecken, stand ohne jegliches Zeremoniell auf, und kleidete sich in eine Art Hausmantel. Arbeitszimmer und Alkoven waren verbunden, sodass Friedrich auch noch im schmalen Feldbett sitzend einen Adjuntanten empfangen konnte, der ihm die Korrespondenz brachte und berichtete, wer Potsdam verlassen hatte und wer eingetroffen war. Danach spielte er Flöte. Später nahm er sich Zeit für eine Tasse Schokolade oder Kaffee und aß Obst, das auf Tellern immer bereitstand. Spätestens nach der Schokolade kleidete er sich an, zumeist in Uniform. Es heißt, er habe wenig Zeit mit der Toilette verbracht. Etwa bis elf Uhr arbeitete er mit seinen Ministern und Sekretären, erteilte Befehle und Instruktionen oder hielt Audienz. Bis dahin hatte er sich aus seinem Arbeits- und Schlafzimmer über das Musikzimmer bis in das an den Marmorsaal grenzende Empfangszimmer vorgearbeitet. Um elf Uhr nahm Friedrich die Parade des Gardebataillons im Potsdamer Lustgarten ab. Um ein Uhr wurde bei Königs zu Mittag gegessen. Dabei speiste Friedrich in den 1750er-Jahren mit bis zu 24 am selben Morgen eingeladenen Gästen und ließ nicht selten 16 verschiedene Gerichte servieren. Den Speisenplan hatte er am Abend zuvor genauestens studiert und das vorgeschlagene Menü nach seinen Wünschen umgestaltet. Zum Essen trank Friedrich zeitgenössischen Berichten zufolge eine Flasche Burgunder und Champagner. Danach begab er sich wieder an die Arbeit, trank Kaffee und spielte Flöte. Zwischen vier und fünf Uhr kam sein Vorleser und blieb etwa zwei Stunden. Gelesen wurden antike Autoren in französischer Übersetzung, aber auch moderne französische Autoren wie Voltaire.
Der Abend brachte ein Konzert im Musikzimmer, bei dem der König selber gerne Flöte spielte, danach traf man sich zum Nachtessen, das erneut zwei Stunden dauern konnte und der Unterhaltung Friedrichs diente. Später zog er sich zurück, las noch ein wenig und begab sich zu Bett.

Konzertzimmer © SPSG

Da keine Aufzeichnungen über die Gäste in Schloss Sanssouci vorliegen, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, ob Voltaire wirklich im nach ihm benannten reich ornamentierten Zimmer, dem vierten Gästeappartement, gewohnt hat. Die Appartements, so viel ist gewiss, wurden von der Gartenseite aus betreten, waren nicht so üppig gestaltet wie die des Königs und verfügten neben einem kleinen Raum für Kleidung über einen rückwärtigen Raum für die mitgereisten Diener, der heute leider nicht mehr existiert.
Wer nun aber die heitere Atmosphäre sommerlicher geöffneter Terrassentüren, geselliger Tischgesellschaften oder höfischer Flötenkonzerte in den Räumen von Sanssouci sucht, muss Fantasie walten lassen: Das Schloss ist Museum, alle Fenster geschlossen, der Blick nach draußen aus konservatorischen Gründen verdeckt. Doch die heitere Leichtigkeit des friderizianischen Rokoko, die die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs unversehrt überstanden hat, macht es leicht, sich den Monarchen vorzustellen, wie er die Verbindung von Garten und Schloss genießt, sich den Genüssen der Tafelrunden hingibt oder im reich geschmückten Musikzimmer sorglos aufspielt.
Und ebenso heiter verlässt man das kleine Schloss, froh, doch nicht König zu sein, tritt in die Sonne und lustwandelt durch den großen angrenzenden Park: Sans Souci!

Christoph Tempel

Christoph Tempel ist Redakteur beim MuseumsJournal und freier Architekturjournalist.

 

Mehr zu Friedrich II.

Literatur

Ute Christina Koch, »Un Jour Comme L’Autre«. Ein Tag im Leben Friedrichs in Berichten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.), Ausstellungskatalog Friederisiko. Friedrich der Große. Die Ausstellung, Hirmer Verlag, München 2012, S. 312–321.

Henriette Graf, Das Neue Palais – Funktion und Disposition der Appartements, in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.), Ausstellungskatalog Friederisiko. Friedrich der Große. Die Ausstellung, Hirmer Verlag, München 2012, S. 294–303.

Alfred P. Hagemann, Zitat und Kopie bei Friedrich II., in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.), Ausstellungskatalog Friederisiko. Friedrich der Große. Die Ausstellung, Hirmer Verlag, München 2012, S. 176–185.

Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Schloss Sanssouci, Königliche Schlösser und Gärten in Potsdam, Deutscher Kunstverlag Berlin, München 2009

Generaldirektion der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci (Hg.), Götz Eckhardt: Schloss Sanssouci, Potsdam 1988

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