Vielfalt im Kleinen
Die Berliner Regionalmuseen

Die Berliner Museumslandschaft besitzt einen Schatz, den keine andere Großstadt vorweisen kann: Neben einem zentralen Stadtmuseum gibt es elf regionalhistorische Museen in den Berliner Bezirken. Zu ihren Besonderheiten gehört, dass sie Aspekte der Lokalgeschichte beleuchten, die sonst kaum oder nur wenig Beachtung finden. Im Folgenden stellt ein jedes der elf Häuser ein markantes Objekt seiner Sammlung vor, das sowohl exemplarisch für das Museum als auch für die Besonderheit des Bezirks steht.

Ein Beitrag des MuseumsJournals aus der Ausgabe "Lebendige Geschichte – Die Berliner Regionalmuseen" (MJ 2/2019).

Foto: Hans-Joachim Bartsch

Die Berliner Straße, 1869
Museum Charlottenburg-Wilmersdorf / Villa Oppenheim

Eines der letzten Bilder, das der Maler Eduard Gaertner angefertigt hatte, bevor er Berlin 1870 verließ, zeigt die damals noch unbefestigte Berliner Straße in Charlottenburg. Ganz in der Ferne erkennt man schemenhaft das Charlottenburger Schloss. Charlottenburg diente zu dieser Zeit wohlhabenden Berliner Bürgern als Sommerfrische, worauf die nur angedeutete, aufwendige Architektur an den Straßenrändern und die feine Gesellschaft an der Droschke verweisen. Heute ist das Bild Teil der Sammlung des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf und hängt in einer der letzten großbürgerlichen Villen dieser Zeit: der Villa Oppenheim. Lesen Sie hier die ganze Geschichte!

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Foto: Ellen Röhner

Architekturmodell, 1984
FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum

Durch die Internationale Bauausstellung (IBA) erhielt Berlin-Kreuzberg 1984 viel Aufmerksamkeit. Seit 1979 hatten Stadtplaner und Architekten ein neues Konzept für die West-Berliner Innenstadt entwickelt und dies mit zwei unterschiedlichen Ansätzen: Die IBA-Neubau thematisierte die Rekonstruktion der historischen (Halb)Stadt, die IBA-Altbau entwickelte Ideen zur Rettung des Altbaubestands durch behutsame Modernisierungen. In diesem Rahmen entstand ein Architekturmodell der Bebauung von 1984, das im Mittelpunkt der Ausstellung des FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum steht – als Zeichen für die Geschichte der Stadterneuerung und der sozialen Bewegungen in Kreuzberg.

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Foto: Friedhelm Hoffmann

WBS 70, um 1980
Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf

Das Modell zeigt Wohnungsgrundrisse in einem 11-Geschosser der "Wohnungsbauserie 70" (WBS 70). Diese Serie war der in den Großsiedlungen von Marzahn-Hellersdorf und in der ganzen DDR am häufigsten gebaute Wohnungstyp in Plattenbauweise. Entwickelt wurde er Anfang der 1970er-Jahre, die erste Produktion und Anwendung fand 1972 in Neubrandenburg statt. Bei den Wohnungsgrößen und der Ausgestaltung gab es im Lauf der Zeit zahlreiche Varianten. Das Modell ist seit 2014 Teil der Dauerausstellung des Bezirksmuseums Marzahn-Hellersdorf und regt Besucher*innen häufig zu Gesprächen über die Wohn- und Lebensverhältnisse damals und heute an.

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Foto: Friedhelm Hoffmann

Pinselschrank, um 1862
Mitte Museum

Ein kleiner Schubladenschrank zeugt von 130 Jahren Stadtgeschichte im Berliner Norden. Und vom Handwerk des Pinselmachens. Er war Teil der Ladeneinrichtung der Farbenhandlung Hermann Harder in Berlin-Wedding. Sein Inhalt: Mehrere Dutzend verschiedenartiger Haarpinsel, die neu anmuten, vermutlich aber so alt sind wie der Schrank, der sie bewahrt. Möglicherweise ausgelöst durch eine neue, industrialisierte Form der Produktion brach der Absatz der handgefertigten Artikel offenbar jäh ab. Warum sonst sollten die Pinsel so zahlreich im Schränkchen verblieben sein, das sie seither wie eine Zeitkapsel bewahrt? Heute ist der Pinselschrank im Mitte Museum zu finden.

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Foto: Museum Lichtenberg

Eiteiler, um 1909
Museum Lichtenberg im Stadthaus

Seit 1909 gibt es ihn – den Eiteiler. Dies war der ursprüngliche Name des Eierschneiders, der sich bis heute in fast jeder deutschen Küche auffinden lässt. Doch wer hat ihn erfunden? Ein Lichtenberger! Willy Abel (1875–1951) gilt als Vater der deutschen Haushaltmaschinen-Industrie und Wegbereiter moderner Küchengeräte. Sein erstes Patent veröffentlichte er bereits im Alter von 17 Jahren. Im Laufe seines Lebens ließ Abel 63 Erfindungen patentieren und weit über 100 kleinere Erfindungen als Gebrauchsmuster schützen. Einer der Original-Eierteiler befindet sich heute in der Sammlung des Museum Lichtenberg im Stadthaus. Mehr dazu können Sie hier nachlesen!

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Foto: Friedhelm Hoffmann

Amulett, 1989
Museum Neukölln

Dieses Amulett schnitzte der politische Häftling Fadil Al Saokal 1989 in einem syrischen Gefängnis aus einem Pfirsichkern. Auf der einen Seite sind zwei Friedenstauben als Zeichen der Hoffnung dargestellt. Die Blumen auf der anderen Seite zeigen ein islamisches Motiv und erzählen von dem weinenden Stein, dessen Tränen selbst in einem Steinbruch Blumen erblühen lassen. Geschichte und Symbolik des Amuletts verweisen auf die Fluchtgeschichten vieler Menschen, die im Bezirk Neukölln eine neue Heimat gefunden haben. Deshalb wurde das Motiv auch in das Signet von Schloss und Gutshof Britz integriert, dem Standort, an dem sich das Museum Neukölln seit 2010 befindet.

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Foto: Florian Unger

Tauflöffel, 1932
Museum Pankow

Im Sommer 1945 bestand die Belegschaft des Stadtguts Blankenfelde vor allem aus Flüchtlingen. Ein Großteil der Blankenfelder Dorfbevölkerung war in mehreren Trecks westwärts geflohen. Alle freien Stuben dienten als provisorische Unterkünfte für "Pollacken", wie die Geflüchteten von den Blankenfeldern hinter vorgehaltener Hand abwertend genannt wurden. Mit dem silbernen Tauflöffel verbindet sich die Geschichte eines dieser Geflüchteten. Unter Mitwirkung des Runden Tisches Blankenfelde konnten einige der Lebensgeschichten ehemaliger und heutiger Bewohner des Stadtgutes dokumentiert werden. Sie sind Teil der Dauerausstellung des Museum Pankow und der Tauflöffel ist dort ein besonderer Blickfang.

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Foto: Patricia Schichl

Blaues Glasei, 1894
Museum Reinickendorf

Das blaue Glasei gehörte der Künstlerin Hannah Höch, die vierzig Jahre lang in einem kleinen Holzhaus in Heiligensee im Bezirk Reinickendorf gelebt hat. Ehemalige Mieter des Holzhauses brachten es 2015 zusammen mit anderen Objekten ins Museum. Das Ei befand sich in Höchs "Rarit-Schrank", der ein Mittelteil aus Glas und vier Fächer hat. Dieser Schrank war für die Künstlerin von besonderer Bedeutung, wie in einer Wunderkammer bewahrte sie darin ihre gesammelten Schätze auf. Das blaue Glasei fand auch Eingang in Höchs bildnerisches Werk. Das Museum Reinickendorf besitzt neben dem Ei eine Reihe von Werken der Künstlerin und Fotoserien bekannter Fotografen, die Hannah Höch porträtiert haben.  

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Foto: Friedhelm Hoffmann

Gildebrief, 1317
Stadtgeschichtliches Museum Spandau

"Spandau ist die ältere Stadt!" ist nach wie vor eine häufig geäußerte Aussage, wenn es um die Beziehungsbeschreibung des Bezirks Spandau zu Berlin geht. Eine im 15. Jahrhundert entstandene Abschrift einer Urkunde vom 7. März 1232 ist jedoch ein wichtiger Beleg für die Richtigkeit der Aussage. Damit wird Spandau zwölf Jahre früher urkundlich als Stadt erwähnt als Berlin. In der Sammlung mittelalterlicher Schriften des Stadtgeschichtlichen Museums Spandau befinden sich auch noch weitere historisch wertvolle und interessante Dokumente wie etwa ein Gildebrief für die Spandauer Bäcker von 1317, dessen schweres Wachssiegel ein wahrer Blickfang ist.

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Foto: Jürgen Henschel

Negativsammlung, um 1980
Museen Tempelhof-Schöneberg

Die zahlreichen Standorte der Museen Tempelhof-Schöneberg mit ihren vielfältigen kulturellen Angeboten werden von einem Team zusammengehalten, das mit Leidenschaft und Begeisterung neue Themen erschließt und verschiedenste Wege der Vermittlung einschlägt. Quelle und Impulsgeber ist in vielen Fällen der Bestand des regionalhistorischen Archivs des Bezirks. Dabei sind es nicht nur Neuerwerbungen, sondern auch Altbestände, die interessante Themen aufbringen oder neue Blickwinkel auf bekannte Ereignisse ermöglichen. Beispielhaft hierfür steht das Projekt zur Digitalisierung der Negativsammlung des Fotografen Jürgen Henschel.

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Foto: Tatjana Herkner

Wäschereigewerbe, 1906
Museen Treptow-Köpenick

Im ausgehenden 19. Jahrhundert stand die damals noch selbstständige Stadt Köpenick im Ruf, "Waschküche Berlins" zu sein. Die umliegenden Gewässer, ausgedehnten Wiesen sowie die im Vergleich zu Berlin gute Wasserqualität boten ideale Bedingungen für die Entwicklung des Wäschereigewerbes. Das großformatige Gemälde von Georg Herbst von 1906 in der Form eines Triptychons ist Bestandteil der Dauerausstellung des Museum Köpenick und zeigt die nichtindustrielle Arbeitsweise der kleinen und mittleren Betriebe in Köpenick um die Jahrhundertwende. Lesen Sie hier die Geschichte des Gemäldes Köpenicker Wäschereigewerbe!

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