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Visionärer Flirt

Mode und Kunst – Schwestern im Geiste

Bevor Christian Dior mit seinem „New Look“ die Mode revolutionierte, war er Kunsthändler. Die Kunst blieb seine Leidenschaft und inspirierte seine Entwürfe, wie das Kunstgewerbemuseum noch bis 26. Juni 2022 zeigt. In der Berlinischen Galerie steht vom 18. Februar bis 30. Mai 2022 die Mode als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen den Inszenierungen des Künstlerhabitus gegenüber. Eine Künstlerin wie Alexandra Bircken, die Genregrenzen hinter sich gelassen hat, zeigt sich fasziniert von den Möglichkeiten des Modedesigns, bis 15. Mai im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst. Diese drei Ausstellungen gaben Anlass für eine Zusammenschau, wo und wie in Berliner Museen und Ausstellungshäusern Mode gesammelt, erforscht und ausgestellt wird. Der Fokus „Kunst und Mode“ ist im aktuellen Museumsjournal 1/2022 erschienen. 

Gerd Hartung, Modezeichnung: Paar in Abendrobe, 1932
© Stiftung Stadtmuseum Berlin, Repro: Michael Setzpfandt, Berlin
Gerd Hartung, Modezeichnung: Paar in Abendrobe, 1932

Modebilder – Kunstkleider

Berlinische Galerie

In der Ausstellung mit Fotografie, Malerei und Mode von 1900 bis heute steht Mode als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen den Inszenierungen des Künstlerhabitus gegenüber. Stoff avancierte mit der Moderne zur autonomen Form und Mode zum festen Bestandteil der Pop- und Performancekunst. Ende der 1980er-Jahre begann die Ära des Crossover von High und Low, die postmoderne Dekade immer neuer Verknüpfungen und Überschneidungen. In Berlin verkörperte die Designerin Claudia Skoda den neuen Zeitgeist. Viele Entwürfe entstanden in Kollaboration mit Künstlern, ihre Performances wurden zu Happenings der Kunstszene. Künstler wie Alexandra Bircken, die Genregrenzen hinter sich gelassen haben, zeigen sich fasziniert von den Möglichkeiten der Modedesigner, mit den Formen des menschlichen Körpers zu experimentieren.

Inspiriert von Dior, entworfen von Eiríkur Erlingsson, getragen von Óskar Pór Argrímsson
Foto: Eiríkur Erlingsson
Inspiriert von Dior, entworfen von Eiríkur Erlingsson, getragen von Óskar Pór Argrímsson

How to Dior

Kunstgewerbemuseum

Bevor Christian Dior mit seinem »New Look« die Mode revolutionierte, war er Kunsthändler. Die Kunst blieb seine Leidenschaft und inspirierte seine Entwürfe. Den Impuls für die Ausstellung gaben zwei Neuerwerbungen, das Dior-Couturekleid „Mexique“ und ein Boutique-Ensemble von Gianfranco Ferré. Neben Originalentwürfen Diors und seiner Nachfolger im Haus Dior sind auch Arbeiten der Hochschule Macromedia ausgestellt. Der Nachwuchs analysierte die Original-Objekte hautnah und im Ergebnis entstanden Modeentwürfe, Kollektions- und Kommunikationskonzepte, Fotostrecken sowie Filme, die ebenfalls gezeigt werden.

Stoffmusterentwurf von Martha Lutz, um 1925
Stoffmusterentwurf von Martha Lutz, um 1925

Designed by Martha Lutz

Bröhan-Museum

Die Sammlung im Bröhan-Museum besteht aus unzähligen Keramiken, Metall- und Glasobjekten, Möbeln und Teppichen, Gemälden, Lampen, Schmuck und auch Textilien aus der Zeit zwischen 1889 und 1939. Leider kann ein Großteil dieser Objekte nur selten gezeigt werden, und wie in den meisten Museen schlummern viele Kostbarkeiten ungesehen im Depot. 2015 konnte das Bröhan-Museum ein Konvolut von Textilentwürfen der Gestalterin Martha Lutz aus den 1920er-Jahren ankaufen, das noch auf seine Erforschung wartet. Eine Auswahl war kürzlich erstmals ausgestellt. Martha Lutz (1904–84) stammte aus einer Gestalterfamilie. Sie ließ sich an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart zur Textilgestalterin ausbilden. Mit ihrem Mann Rudolf gehörte sie zum Kreis der Stuttgarter Avantgardisten um Adolf Hölzel.

Künstlerinnengruppe Erfurt, Gruppenbild, Erfurt 1990, Foto: Gabriele Stötzer
© Archiv Gabriele Stötzer

Hosen haben Röcke an

Neue Gesellschaft für bildende Kunst

Wie kritisiert man einen so langweiligen wie autoritären Staat? Die 1984 von Gabriele Stötzer gegründete Künstlerinnengruppe Erfurt lebte zehn Jahre lang einen radikalen künstlerischen Gegenentwurf zum DDR-Alltag aus. Ihre Super-8-Filme, Fotografien, Performances, Mode-Objekt-Shows, Manifeste und Soundexperimente zelebrieren weibliche Selbstermächtigung, Gendergerechtigkeit, künstlerische Freiheit als universelles Menschenrecht und radikale Gesellschaftskritik. Bis heute bleibt die solidarische, kreative und politisch angstfreie künstlerische Umsetzung ihrer Ideen, Ängste und Wünsche hochaktuell. Die Ausstellung endete am 30. Januar.

Kunstkleid „Primaballerina“
© Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin

Textile Handwerkskunst

Deutsches Technikmuseum

Textilien bestehen aus Fasern, die geflochten, gewebt, gewirkt, gestrickt, geknüpft, zu Vlies gefügt oder nadelgebunden werden können, egal, ob die Fasern aus Natur-, Kunststoffen oder Metall bestehen. Ein gehäkelter Topflappen ist ebenso ein textiles Produkt wie ein gewebtes Metallsieb. So zielt die Sammlung des Deutschen Technikmuseums auf die Vielfalt textiler Fertigungstechniken, unabhängig von deren Materialität. Sie umfasst sowohl Werkzeuge und Maschinen als auch Materialproben und Produkte der diversen Techniken. Die Produktion von Accessoires, Filzerzeugnissen wie Hüten sowie Kunstblumen, vor allem durch Berliner Unternehmen, steht im Fokus. Kleidung als eines der Haupterzeugnisse textiler Techniken bildet einen Großteil der Sammlung.

Alexandra Bircken „Fair Game“, 2021, Installationsansicht Kesselhaus KINDL
Foto: Jens Ziehe
Alexandra Bircken „Fair Game“, 2021, Installationsansicht Kesselhaus KINDL

Alexandra Bircken „Fair Game“

KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Das bildhauerische Werk Alexandra Birckens hat seine Ursprünge in der Mode. Ihre Körper sind Schnittstelle und autonome Form zugleich. Ihre skulpturale Emazipation vom realen Körper, die den Übergang von der Mode zur künstlerischen Kreation vollzieht, erfolgt zu keinem Zeitpunkt losgelöst von der Phasis. Alexandra Birckens Kunst wirkt dort am überzeugendsten, wo ihr der Perspektivwechsel gelingt und sie den abwesenden Körper als Verlust reklamiert. 

Marlene Dietrich im Showfrack „Zirkusdirektor“, ca. 1953
© Deutsche Kinemathek - MDCB. Foto: Milton H. Green
Marlene Dietrich im Showfrack „Zirkusdirektor“, ca. 1953

Von Kopf bis Fuß auf Mode eingestellt

Deutsche Kinemathek

Das Textilarchiv der Deutschen Kinemathek umfasst Sammlungen und Nachlässe von Regisseuren, Schauspielern und Kostümdesignern. Zu den etwa 6000 Objekten zählen Bekleidung und Accessoires wie Hüte, Schuhe, Taschen und Schmuck sowie textile Requisiten, etwa Puppen und Haushaltstextilien. Mit ca. 3500 Inventarnummern kommt der Marlene-Dietrich-Collection Berlin besondere Bedeutung zu. Sie reicht bis in die 1930er-Jahre zurück und umfasst Kleidungsstücke der klassischen französischen Haute Couture, zum Beispiel Kostüme, Kleider und Mäntel von Elsa Schiaparelli, Christian Dior und Cristobal Balenciaga, aber auch Anzüge von bekannten europäischen und amerikanischen Herrenschneidern wie Knize, Eddie Schmidt und Watson & Son. In einem Grafikarchiv aufbewahrte Kostümentwürfe und unzählige Fotos ergänzen die Sammlung. Einige der von Marlene Dietrich getragenen Film- und Showkostüme sind in der ständigen Ausstellung der Deutschen Kinemathek zu sehen, andere werden weltweit in Modeausstellungen präsentiert.

Stephan Hann, Frauen- und Männerkostüm „Die Europäer“, 2010/11
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen. Foto: Ute Franz-Scarciglia
Stephan Hann, Frauen- und Männerkostüm „Die Europäer“, 2010/11

Fashion für Europa

Museum Europäischer Kulturen

Textilien und Schmuck gehören zum Kern der Sammlung des Museums Europäischer Kulturen. Die Objekte, vorwiegend aus dem 19. und 20. Jahrhundert, spiegeln das Kleiderverhalten dörflich-regionaler Kulturen aus dem europäischen Raum und die Vielfalt städtischer Kleidung bis in die 1970er-Jahre. Vordergründiges Sammelprinzip ist Alltagskleidung, ergänzt um Schmuck, vor allem aus gut erhaltenem Vorkriegsbestand. Zukünftig gilt es vorrangig, die Globalisierung und ihre Gegenbewegungen wie Slow Fashion und nachhaltige Mode in der Sammlung abzubilden. Das Museum verfügt über eine der europaweit größten Trachtensammlungen. Die beiden Fantasiekleider entwarf der Berliner Modedesigner Stephan Hann vor zehn Jahren als Auftragsarbeit für die Dauerausstellung. Die mit Maschine und von Hand genähten Kostüme aus einem bunten Materialmix greifen stilistische Elemente regionaler Trachten wie auch historische Modeideen auf. Sie laden ein, über das gedankliche Konstrukt einer transnationalen europäischen Identität nachzudenken, ohne lokale, regionale und nationale Besonderheiten zu verleugnen.

Allgemeine Modezeitung im Märkischen Museum
© Stadtmuseum Berlin
Allgemeine Modezeitung im Märkischen Museum

Mit Schirm, Charme und Melone

Stadtmuseum Berlin

Die Sammlung Mode und Textilien des Stadtmuseums Berlin vereint Mode, Fotografien, Modegrafik und Textilien. Sie bewahrt kunstvolle Gobelins der Firma Vigne, Fahnen, Haushaltswäsche und Teppiche, dazu einige bedeutende Paramente, jene Textilien, die im Kirchenraum und in der Liturgie verwendet werden. Die Mode stammt hauptsächlich aus dem Biedermeier, den 1920er-Jahren sowie den West-Berliner 1950er- bis 1980er-Jahren, u. a. von Heinz Oestergaard, Uli Richter und Klaus Schumann. Zum Bestand gehören auch Accessoires wie Taschen, Schuhe, Schirme, Hüte und Handschuhe sowie Modeschmuck. 1991 kam die Sammlung des aufgelösten Modeinstituts der DDR hinzu. Das fotografische Konvolut umfasst das Modearchiv der DDR, West-Berliner Design der 1950er- bis 1980er-Jahre, Porträtfotos von Modeschöpfern und historische Aufnahmen – insgesamt etwa 50.000 Grafiken und Fotografien. Ausgewählte Stücke der Sammlung sind in der Dauerausstellung im Märkischen Museum zu sehen.

Kondomweste der Boy-Tunte Ryan Stecken, Schuhe von Theater X in Moabit
© Schwules Museum
Kondomweste der Boy-Tunte Ryan Stecken, Schuhe von Theater X in Moabit

Kleidung als Haltung

Schwules Museum

In der kürzlich abgelaufenen Ausstellung „arcHIV. eine Spurensuche“ zeigte das Museum ausgefallene Kleidungsstücke aus dem aktivistischem Umfeld, die ansonsten im Depot lagern. Das 1985 in West-Berlin gegründete Schwule Museum erkundet seit einiger Zeit seine vielfältigen Museumsbestände thematisch. Die Kondomweste überließ die Boy-Tunte Ryan Stecken dem Museum, die Schuhe stammen vom Theater X in Moabit.

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