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Orte im Wandel

Wo bleibt die Kultur?

Viele alternative Berliner Kulturorte sind sukzessive neuen Wohn- und Bürobauten gewichen. Zahlreiche ikonische und das Stadtbild bestimmende Gebäude wurden privatisiert und der öffentlichen Nutzung entzogen, andere wurden abgerissen oder sind als Folge von Sanierungsstau und Desinteresse dem schleichenden Verfall anheimgegeben. Hier stellen wir einige Orte vor, die für die Kultur ganz oder teilweise erhalten werden konnten bzw. für die diese Chance zumindest noch besteht. Der Diskurs „Orte im Wandel“ ist in anderer Form zuerst im aktuellen Museumsjournal 2/2022 erschienen.

Flughafen Tempelhof, Hangar 2 und 3 vom Vorfeld aus
© Tempelhof Projekt GmbH
Flughafen Tempelhof, Hangar 2 und 3 vom Vorfeld aus

Viel Platz, wenig Freiraum

Flughafen Tempelhof

Der ehemalige Zentralflughafen Berlin-Tempelhof stellte am 30. Oktober 2008 den Betrieb endgültig ein. Mit seinem 1,2 Kilometer langen Bogen aus Hangars und einer Gesamtnutzfläche von ca. 200.000 Quadratmetern ist er das größte Baudenkmal Europas – mit Schattenseiten. Seit dem Volksentscheid 2014 gegen eine Randbebauung ist der Umgang mit dem Flugfeld Lieblingsstreitthema zwischen Aktivisten, Politikern und Stadtbürgern. Was aber die Nutzung anbelangt, blieb es auffallend still. Erst die im Januar eröffnete Ausstellung des französischen Künstlers Bernar Venet änderte dies schlagartig. Der Initiator der Ausstellung, der Kulturmanager Walter Smerling, sah sich geharnischter, gleichwohl berechtigter Kritik von allen Seiten ausgesetzt und hat sich inzwischen folgerichtig zurückgezogen. Fest steht, die Hangars 1 bis 4 werden weiterhin temporär genutzt, während in den Hangars 5 bis 7 dauerhafte kulturelle und Mediennutzungen vorgesehen sind. Hier sollen das Alliierten-Museum und die Deutsche Film- und Fernsehakademie einziehen, allerdings nicht vor 2030.

Mäusebunker 2021
Foto: Neue Langeweile
Mäusebunker 2021

Lichtblick statt Verfall

Mäusebunker

Ein Gebäude wie ein Schlachtschiff: bedrohlich, abschreckend hässlich. Die von Gerd und Magdalena Hänska entworfene Ikone des Brutalismus wurde 1981 auf dem Campus Benjamin Franklin der Charité eröffnet und jahrzehntelang für Tierversuche genutzt. Nachdem die letzte Maus 2020 den pyramidenförmigen Sichtbeton-Koloss verlassen hatte, war er zum Abriss freigegeben. Mehr als 7000 Menschen unterschrieben eine Petition zur Rettung – mit Erfolg. Seit Anfang 2021 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Es gilt als Extremform, ein skulpturaler Solitär wie eine verspätete Zukunftsvision. Das Berliner Landesdenkmalamt hat ein „Modellverfahren“ ins Leben gerufen, um mögliche Erhaltungsansätze für das Gebäude im Sinne einer zeitgemäßen und denkmalverträglichen Umgestaltung zu erarbeiten. Die Architektur ist rein auf Funktionalität ausgerichtet – das macht die Umnutzung extrem schwierig. In die 3000 Quadratmeter Nutzfläche fällt kaum Tageslicht. Die Aufteilung der Labor-Etagen ist sehr kleinteilig, mit zahlreichen Lüftungsöffnungen, die Technikgeschosse fensterlos mit niedrigen Decken. Zudem ist das gesamte Gebäude asbestbelastet. Nichtsdestotrotz hat der »Mäusebunker« viele prominente Unterstützer. Der Galerist Johann König und der Architekt Arno Brandlhuber haben bereits 2020 Pläne zur Rettung vorgelegt und möchten das Gebäude kaufen. Entstehen soll ein gemeinwohlorientiertes Kunst- und Kulturzentrum. Beide wurden bereits für den behutsamen Umbau der brutalistischen Sakralarchitektur St. Agnes von Werner Düttmann vielfach ausgezeichnet. Die Raumstruktur soll weitgehend erhalten bleiben, ein von außen nicht sichtbarer Schnitt Licht und Luft hineinlassen. 

Haus der Statistik 2022
© Jaana Prüss, Foto: ZKB
Haus der Statistik 2022

Alles anders am Alexanderplatz

Haus der Statistik

Noch segelt das Areal unterm Radar, doch Veränderungen stehen an. 1968 bis 1970 als Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR erbaut, wurde das Haus der Statistik nach der Wiedervereinigung zunächst von bundesdeutschen Behörden genutzt. Seit 2008 stand es leer, sollte verkauft oder abgerissen werden. Das Gebäude entspräche nicht den Anforderungen an ein modernes Bürogebäude, hieß es vom Bund als Eigentümer. Die für die DDR typische Kunst am Bau überlebte andernorts. Das Wandgemälde „Lob des Kommunismus“ von Ronald Paris erwarb 2010 zum Beispiel das DDR-Museum. Die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser (AbBA) beendete die Agonie 2015, als sie ein Transparent „Hier entstehen für Berlin Räume für Kunst, Kultur und Soziales“ an der Fassade entrollte. Drei Jahre später erwarb die Koop5 – das Bezirksamt Mitte, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, die landeseigenen Gesellschaften Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) und Berliner Immobilienmanagement (BIM) sowie die Genossenschaft für Stadtentwicklung ZUsammenKUNFT Berlin – die Immobilie für 50 Millionen Euro. Den anschließenden städtebaulichen Wettbewerb gewannen Teleinternetcafe gemeinsam mit Treibhaus Landschaftsarchitektur. Ende 2021 wählte die WBM weitere Architekturbüros aus, die zwei Hochhäuser mit jeweils über hundert Wohnungen für das Gelände projektieren. Vielfältige Initiativen geben einen Vorgeschmack, dass hier Neues entsteht: Das Freie Radio Berlin betreibt ein Studio, Sinema Transtopia untersucht Kino als sozialen Diskursraum, im Haus der Materialisierung wird Kreislaufwirtschaft erprobt, und das Zentrum für klimaschonende Ressourcennutzung unterstützt beim Selbermachen und Reparieren. Auch Kunstausstellungen finden regelmäßig statt. Im Mitwirkungsprozess „Stimmen auf Knopfdruck“ sind derzeit Ideen für das neue Rathaus von Mitte gefragt. 

Das ICC während des Festivals "The Sun Machine Is Coming Down"
Foto: Matthias Völzke
Das ICC während des Festivals "The Sun Machine Is Coming Down"

Ansteckender Enthusiasmus

Internationales Congress Centrum ICC

Im vergangenen Jahr war das ICC, der urbane Organismus an der Kantstraße, kurz wieder zum Leben erwacht. Das von den Berliner Festspielen ausgerichtete Kunstfestival „The Sun Machine Is Coming Down“ hatte daran erinnert, welch schlafender Riese da vor sich hindämmert. Mitten in der Pandemie konnte der Andrang des Publikums kaum befriedigt werden, es wollte endlich wieder in das Gebäude, das seit 2014 nicht mehr von der Berliner Messe genutzt wird. Das ICC hat nichts von seiner Faszination verloren – und es funktioniert (noch). Seit 2019 steht das von dem Architektenpaar Schüler geplante und zwischen 1975 und 1979 gebaute ICC (Gesamtnutzfläche rund 150.000 Quadratmeter, 40 Säle mit bis zu 5000 Sitzplätzen, 40 weitere Arbeitsräume)  unter Denkmalschutz. Gerettet ist es damit noch nicht. Im Jahr 2021 legte eine Projektgruppe um vier ICC-Fans eine technische und inhaltliche Machbarkeitsstudie vor, die dem Baudenkmal zutraut, als Kultur- und Veranstaltungsort revitalisiert zu werden. Sie veranschlagte 200 bis 500 Millionen Euro für die Sanierung und Entwicklung zu einem „Zentrum der zeitgenössischen Künste und Kultur, der Festspiele, der Feste und des Austauschs“ zum ICCA (International Center for Contemporary Arts). Hier orientiert sich ein Nutzungskonzept tatsächlich an den Funktionen, die ein Haus zur Verfügung stellt. Berlin als Eigentümer sollte sich vom privaten und wachsenden öffentlichen Enthusiasmus anstecken lassen. Nun gilt es, Investoren zu finden und Finanzierungskonzepte zu schärfen.

DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, Mai 2022
© DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, Foto: Ladislav Zajac
DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, Mai 2022

DDR-Kunst als Rettung

DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam

Ausgerechnet ein eklatanter Mangel an Baumaterial sorgte dafür, dass das Restaurant Minsk zu einer üppig ausgestatteten und beliebten Gaststätte werden konnte. Der Bau des Potsdamer Terrassenrestaurants war 1971 kurz nach Baubeginn auf Eis gelegt worden – der Palast der Republik verschlang den knappen Baustahl der DDR. Einer Bezirkspartnerschaft mit Minsk war es zu verdanken, dass es fünf Jahre später mit russischem Marmor, Mooreiche, Bleiglas und Unterstützung eines weißrussischen Künstlerkollektivs weitergebaut und 1977, zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution, vollendet war. Das Minsk, entworfen von Karl-Heinz Birkholz und Wolfgang Müller, bildete auf dem Brauhausberg mit Schwimmhalle und begrünten Terrassen samt Springbrunnen ein stadtprägendes Ensemble der Nachkriegsmoderne. Nach Schließung des Restaurants im Jahr 2000 verfiel das Gebäude und trotz massiver Proteste drohte der Abriss. 2019 erwarb die Stiftung von SAP-Gründer und Kunstsammler Hasso Plattner das Gebäude und baute es zum Ausstellungshaus um. Bisher brachte man Plattner – nach dem Wiederaufbau des Museums Barberini – eher mit der Rekonstruktion der Potsdamer Stadtmitte als mit dem Erhalt der Ostmoderne in Zusammenhang. Er wird in dem Architekturrelikt seine Sammlung von DDR-Kunst (im Dialog mit zeitgenössischen Positionen) zeigen. Ein nicht ganz unheikles Unterfangen – Präsentationen von DDR-Kunst handeln sich schnell Kritik ein (Stichwort Staatskunst versus unangepasste Kunst). Nichtsdestotrotz gehört diese Leerstelle gefüllt. Dass dies wie bei der Rettung des Minsk durch Privatengagement geschieht, sagt viel über die andauernde Negierung eines ganzen Landesteils. Die Eröffnung ist für den 24. September angekündigt. Die ersten beiden Ausstellungen (Laufzeit bis zum 15. Januar 2023) präsentieren mit Wolfgang Mattheuer und Stan Douglas zwei Künstler zum Thema Landschaft – ein zentrales Sujet der Sammlung. 

Alte Münze Berlin
© Spreewerkstätten
Alte Münze Berlin

Freiraum an der Spree

Alte Münze

Die Alte Münze, ein ehemaliges Münzprägewerk in Berlin-Mitte am Ufer der Spree, bietet Raum für Kunst- und Kulturschaffende, junge Kreative sowie für verschiedene Veranstaltungsformate. Das von den Spreewerkstätten betriebene Gebäudeensemble in einer der ältesten Nachbarschaften Berlins ist das Zuhause einer interdisziplinären Gemeinschaft. Es steht für die zukunftsgerichtete Umnutzung historischer Stadträume sowie eine diverse Stadtgesellschaft, in der es um ein solidarisches Miteinander von Projekten mit verschiedenen Ansprüchen und Möglichkeiten geht. 1280 erstmals urkundlich erwähnt, blickt die Münze auf eine wechselvolle Geschichte und jahrhundertelange Tradition zurück. Unter Friedrich dem Großen, der 1750 das Münzwesen neu geordnet hatte, erhielt die Berliner Münze mit dem Buchstaben „A“ ihr noch heute gültiges Münzzeichen – eines der ältesten Markenzeichen überhaupt. Mit dem Münzgesetz von 1934 kam die Zusammenlegung der sechs deutschen Ländermünzen zu einer Deutschen Reichsmünze. Daraufhin begann 1936, nach Plänen der Architekten Fritz Keibel und Arthur Reck, der Bau der neuen Geldfabrik am Molkenmarkt, auf den Fundamenten des mittelalterlichen Krögel-Viertels, des Mühlenviertels und der Stadtvogtei (Stadtgefängnis). Das barocke Schwerinsche Palais von 1704 wurde kurzerhand um einige Meter versetzt und integriert. Im südlich angrenzenden Neubau findet sich eine Kopie des 48 Meter langen Münzfrieses von Johann Gottfried Schadow (ursprünglich an der Münze am Werderschen Markt). 1942 wurde der Bau kriegsbedingt eingestellt, doch schon 1947 lief die Herstellung von Fünf- und Zehnpfennigstücken an. Die VEB Münze Berlin war nach Schließung eines Dresdner Werks die einzige Prägestätte der DDR. Ab 1990 wurden hier D-Mark-Münzen geprägt. Zur Einführung des Euro am 1. Januar 2002 produzierte die Staatliche Münze Berlin insgesamt 3,4 Mrd. Stück und konfektionierte 12 Millionen Starterkits. 2006 verließ die Staatliche Münze den Standort in Mitte und produziert seitdem in Reinickendorf.

Wilhelmhallen in Berlin Wilhelmsruh
© Wilhelmhallen
Wilhelmhallen in Berlin Wilhelmsruh

Kreativität unter Eisenfachwerk

Wilhelmhallen

Die alte Eisengießerei Winkelhof, nunmehr Wilhelmhallen genannt, ist ein denkmalgeschütztes Ensemble aus diversen Hallen, Loft-Flächen und Büros in Klinkerarchitektur. Die Gesamtnutzfläche beträgt mehr als 20.000 Quadratmeter. Mit dem Ziel der kompromisslosen Bestandserhaltung wurden sämtliche Eingriffe in die Substanz behutsam durchgeführt, das heißt Dächer trockengelegt, Fenster isoliert, Anschlüsse für Strom, Bad, Heizung neu gelegt und Betonfußböden ausgeführt. Über roten Backsteinornamenten und Eisenfachwerk ragen aneinandergereihte Sheddächer in den Himmel. Unzählige Fragmente und Spuren führen in die Vergangenheit. Zwischen 1898 und 1918 vom vielbeschäftigen Pankower Maurermeister Christian Friedrich Malingriaux entworfen und ab 1902 vom Architekten Hermann Streubel gebaut, sind die Werkhallen im Original erhalten – bis auf wenige Einbauten und ein Pförtnerhaus aus den 1950er-Jahren. Seit der Schließung im Jahr 2014 blieb alles unberührt. Durch die verrußten Glasscheiben der Gießerei fällt das Tageslicht bis heute so, wie Malingriaux es vor einhundert Jahren gesehen haben mag. Bisher zwanzig Mieter versammeln sich an diesem neuen Ort für Künstler und Kreative am Bahnhof Wilhelmsruh, darunter Kunstateliers, Fotostudios, Designfirmen und Beratungsbüros. Demnächst entsteht hier die dritte Dependenz des Galeristen Mehdi Chouakri.  

Reinbeckhallen in Schöneweide
© Reinbeckhallen. Foto: Michel Koczy
Reinbeckhallen in Schöneweide

Sammlung für Gegenwartskunst

Stiftung Reinbeckhallen

Seit ihrer Gründung im Jahr 2016 widmet sich die Stiftung Reinbeckhallen der Förderung von Kunst, Kultur und Bildung. Sie pflegt eine eigene Sammlung zeitgenössischer Kunst und experimentiert mit deren Präsentation. In Kooperation mit externen Akteuren und Institutionen ist die Stiftung mit ihrem Programm bestrebt, innovative Ausstellungsformate und kuratorische Praktiken zu etablieren. Den Grundstock der Sammlung bilden zeitgenössische Kunstwerke des Privatsammlers und Initiators der Stiftung Sven Herrmann. Die noch junge Sammlung wird kontinuierlich weiterentwickelt, wobei besonderer Wert auf die Gleichstellung von Künstlerinnen und Künstlern sowie Werke aus außereuropäischen Blickwinkeln gelegt wird. Auch das Residenzprogramm für bildende und darstellende Kunst richtet sich explizit an Künstlerinnen und Künstler mit Wohnsitz außerhalb Deutschlands. Nach der pandemiebedingten Aussetzung geht es Ende 2022 in die nächste Runde.

silent green
© Cordia Schlegelmilch
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Vom Krematorium zum Kulturquartier

silent green

Das 2013 gegründete, 6000 Quadratmeter umfassende Kulturquartier steht für formenübergreifendes Arbeiten, das Grenzen künstlerischer Disziplinen verschiebt. Neben dem Programmteam garantiert dies eine Mietergemeinschaft von hundert Kreativen, darunter das Musicboard Berlin, der transmediale e.V. und das Filmarchiv vom Arsenal. 1909/1910 als erstes Krematorium der Stadt und insgesamt drittes in Preußen erbaut, zeugt die Anlage vom kulturhistorischen Wandel, der mit der Einführung der Feuerbestattung in Deutschland einherging. Neben Zivilehe und konfessionsloser Schulbildung war die Etablierung der Einäscherung als rechtmäßige Begräbnisform ein wichtiges Ziel der Freidenker gewesen. Herzstück des Gebäudekomplexes ist eine 17 Meter hohe, achteckige Trauerhalle mit pyramidenförmigem Mansardendach. Für die denkmalgerechte Sanierung gab es mehrere Preise, darunter den Berlin Award 2021 der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen in der Kategorie "Umgewidmete Orte". Bestens in der Nachbarschaft verankert, strahlt silent green mit seiner nachhaltigen kreativen Infrastruktur über den Wedding hinaus.