Making Goddesses: A Re-Embodiment

3D-Workshop-Präsentation

Tieranatomisches Theater

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Foto: CC-BY-SA Felix Sattler / HU Berlin

Internationale Archäolog_innen und Designer_innen nutzen die Techniken des 3D-Scans und -Drucks, um eines der bekanntesten Objekte der Archäologie der Griechischen Bronzezeit erneut zu untersuchen: die Schlangengöttin. Die Ergebnisse dieses einwöchigen Workshops werden bei einer öffentlichen Veranstaltung präsentiert.

Die sogenannten Schlangengöttinnen aus Knossos, Kreta, gehören zu den spektakulärsten archäologischen Funden der Ägäischen Bronzezeit. Beinahe unbekannt sind jedoch die Umstände ihrer Rekonstruktion. Die Funde sind Teil einer Reihe von Objekten, die „Tempel Repositorien“ genannt werden; zwei geschlossene Steintruhen, die tief vergraben in den Ruinen des Palastes von Knossos gefunden wurden. Vor mehr als 3.500 Jahren wurden die Fayence-Figuren und andere Objekte dort rituell zerbrochen und absichtlich in diesen Truhen vergraben. Einige Fragmente, so auch der Kopf der kleineren der beiden Göttinnen, wurden den Truhen ebenfalls bewusst nicht beigefügt. Die Archäologen jedoch vervollständigten die Figuren und Objekte in den Truhen und (re-)konstruierten sie als Ganze. Dabei haben sie höchst umstrittene Konstruktionen gewagt: Den Figuren wurden recht moderne Gesichter verliehen, eine der Göttinnen krönt eine Kopfbedeckung, auf der sich eine Katze befindet und in ihren Händen hält sie eine Schlange. Diese Verkörperung der Figuren spiegelt die Vorstellungen der Archäologen wider und befeuerte die Vorstellung, dass die Minoische Kultur eine matriarchale Zivilisation gewesen sei, die Schlangengöttinnen huldigte.

Die Forschungen der Kuratorin Anna Simandiraki-Grimshaw und ihrer Kollegin Fay Stevens in den Archiven des Ashmolean Museums haben die feinen Unterschiede zwischen archäologischer Rekonstruktion und (männlicher) Imagination ans Licht gebracht. Fotografien aus der Zeit der Ausgrabungen und die Arbeit an den Objekten zeigen, wie den Figuren zeichnerisch Teile hinzugefügt wurden bis hin zu offenkundigeren ‚Übertreibungen‘ wie der Vergrößerung ihrer Brüste.

Schnell verbreiteten sich diese (Re-)Konstruktionen der Schlangengöttinnen und ‚emanzipierten‘ sich gar zu Vorbildern im Geschlechterkampf – feministische Akteur_innen benutzten sie als Symbole für das Matriarchat in antiken Gesellschaften. Zwei der außergewöhnlichsten Beispiele der postmodernen Appropriation wurden von den Künstlerinnen Judy Chicago (geb. 1939) und Marina Abramovic (geb. 1946) realisiert. In ihrer monumentalen Installation "The Dinner Party" (1974 – 1979) erinnert Judy Chicago an bedeutende Frauen der Geschichte, darunter auch an die Kretischen Schlangengöttinnen. In ihren autobiografischen Performances verkörpert Marina Abramovic verschiedene mystische Frauenfiguren, die mit Schlangen assoziiert werden, um schließlich ebenfalls die Schlangengöttin darzustellen ("The Biography Remix", 2005).

Vor dem Hintergrund der ambivalenten Geschichte der Schlangengöttinnen, ihrer (Re-)Konstruktion, Verbreitung und Appropriation versucht der Workshop, neue, zeitgenössische Perspektiven auf diese Figuren zu entwickeln. Zuerst sollen Museums-Repliken der Göttinnen 3D-gescannt werden. Ein interdisziplinäres Team aus Ausstellungskurator_innen und 3D-Künstler_innen wird eine Dekonstruktion wagen, etwa durch eine virtuelle Refragmentierung der Figurinen. Von diesen Fragmenten ausgehend, welche Originalfund und Rekonstruktion repräsentieren, wird eine zeitgenössische Interpretation versucht werden. Werden die Figurinen – bei einer erneuten Rekonstruktion – wieder Göttinnen sein oder ganz andere weibliche Figuren darstellen? Wie werden sie aussehen? Welche Rolle könnten sie epistemologisch und Gender-perspektivisch spielen?

Gäste

Dr. Anna Simandiraki-Grimshaw. Archäologin und Spezialistin für die Ägäische Bronzezeit. Kuratorin von „Repliken Wissen“. Von 2016 – 2017 war sie Fellow am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik und Exzellenzcluster »Bild Wissen Gestaltung« an der HU Berlin. Zurzeit ist sie Dozentin für Griechische Archäologie und Geschichte an der University of Cardiff und Senior Teaching Fellow an der University of Bristol.
Felix Sattler. Künstler und Museologe. Kurator des Tieranatomischen Theaters an der HU Berlin und Kurator von „Repliken Wissen“. Co-Leiter des Schwerpunkts „Sammeln und Ausstellen“ des Exzellenzclusters »Bild Wissen Gestaltung« und des Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik.
Fay Stevens. Akademikerin, Kuratorin, Künstlerin und Schriftstellerin. Zur Zeit arbeitet sie als Assistenz-Professorin für Archäologie und Ethik und Londoner Archäologie an der University of Notre Dame (U.S.A.) in England.
Julia Blumenthal. Interaktionsdesignerin und Tischlerin. Sie leitet den Material- und Modellbau-Workshop des Interdisziplinären Labors am Exzellenzcluster »Bild Wissen Gestaltung«.
Georgie Grace. Visual Artist, die Videos mit Hilfe von Tools zur Spiele-Entwicklung und 3D-Modellierungssoftware produziert. Sie studierte Philosophie und Sozialanthropologie an der University of Cambridge, bevor sie 2012 ihren Master in Fine Arts an der Cambridge School of Art abschloss.

Sprachen
Englisch

Tieranatomisches Theater
Philippstr. 12/13, Haus 3 (Campus Nord)
10115 Berlin

Zugehörige Ausstellung
Repliken Wissen
Telefon
+49 (30) 20 93-466 25
Führungsbuchungen
+49 (30) 2093-466 25
Fax
+49 (30) 12881
Website
www.kulturtechnik.hu-ber…
10. März 2018
14:00 bis 18:00 Uhr
Eintritt frei

Galerie

Weitere Veranstaltungen

Vortrag, Lesung, Gespräch, Sonstiges: 27. Februar 2018 14:00 Uhr

„A Pacifist Workshop” — Jan Stöwe illustriert das Labyrinth der Geschichte

Public Drawing & Werkstattgespräch

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